Alles Idioten!
Glosse
In den USA nehmen über 50 Prozent aller Bürger nicht einmal ihr Wahlrecht wahr. Ach Gott, sind das Idioten. Genau das hat das Wort bei den alten Griechen gemeint. "Idiotai" waren Menschen, die sich nur für ihr Privatleben interessierten und mit Politik nichts am Hut hatten. Von dem, worauf es ankommt, hatten sie keine Ahnung. Idioten eben, sagten die Ahnungsvollen. Das hat heute noch zur Folge, dass Idioten immer die anderen sind. Dieser Autofahrer zum Beispiel, der mit Lichthupe hinter uns her rast, ist einer. Wenn wir dagegen die Lichthupe anwerfen, ist der Idiot dieser Blockierer da vor uns. Beim Überholen zeigen wir dem ganz bestimmt, was er ist. Dazu benutzen wir einen Finger: den Zeigefinger an der Stirn oder den Mittelfinger an der Luft. Das sind die eingeführten Signale. Dann kapiert er, dass eine Autobahn kein Idiotenhügel ist. Da kann er sicher sein, idiotensicher sozusagen. Sonst müsste er sich dem Idiotentest unterziehen, vulgo MPU oder Medizinisch Psychologische Untersuchung für diese Schwachsinnigen am Steuer, die übermüdet sind oder besoffen oder sonst was. So ein Wort verstehen die aber nicht, eben weil sie ... Ist ja inzwischen bekannt, was die sind.
Befragt man die Statistik, so ist der Begriff Idiot samt seiner Wortfelder im Bereich des Verkehrs besonders verbreitet, und auch das Skifahren mit seinem Hügel voller einfältiger Benutzer gehört im weitesten Sinn in diesen Bereich. Gleich danach dürfte der Sport kommen, auch wenn dort seit der legendären Pressekonferenz eines Fußballlehrers eindeutig feststeht: "Ein Trainer ist nicht ein Idiot". Es folgen Stammtisch und Parlament. Und dann ist das Internet an der Reihe, nicht nur mit dem Idioten-Gelalle in den zahllosen Chat-Rooms, sondern auch mit folgendem Gesprächskreis: "Wen hasst ihr? Wer ist ein totaler Idiot?" In diesem Falle der, der fragt.
Autor/in: Herbert Heinzelmann, 11.12.2006
Idioten
Little Voice
Übersicht Mai/Juni 1999: Themenausgabe Außenseiter (Behinderte)