Es ist normal, verschieden zu sein
Menschen neigen dazu, sich an Durchschnittsnormen zu orientieren und das hiervon abweichende "Fremde" eher zu meiden. Der Hang zum "Mainstream" ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen täglich neu zu entdecken: von gängigen Musikstilen über modische Kleidung bis hin zur Mitgliederversammlung im Kleingärtnerverein. Wie aber entsteht eine Durchschnittsnorm? Statistisch betrachtet wird ein Durchschnittswert aus der Summe aller Einzelwerte gebildet. Erst die Bandbreite von Einzelwerten ermöglicht die Berechnung von Durchschnittswerten, erst die Normabweichung begründet die Durchschnittsnorm. Auf die menschliche Entwicklung übertragen kann erst durch die Vielfalt menschlicher Daseinsformen der "Durchschnittsmensch" existent werden. Zur Normalität des Menschen gehört zwingend die Abweichung – mit allen Extremen möglichen Lebens. Der behinderte oder psychisch kranke Mensch ist genauso Teil menschlicher Normalität wie der scheinbar gesunde und erfolgreiche Durchschnittsbürger. Jeder Mensch ist einzigartig und unverwechselbar. Daher ist es normal, verschieden zu sein. Jeder hat seine eigenen Vorlieben und Abneigungen, Stärken und Schwächen; niemand ist ausschließlich behindert oder nichtbehindert, wie auch niemand nur krank oder völlig gesund ist. Auch der Mensch mit Behinderung ist in diesem Sinne normal, wenn auch häufig nicht im Sinne von durchschnittlich. So gesehen kann auch die Zuschreibung "behindert" oder "krank" nie dem eigentlichen Wesen eines Menschen gerecht werden. Solche Beschreibungen beziehen sich eher auf bestimmte Bereiche der Persönlichkeit, nicht aber auf sonstige Wesenszüge, wie die Fähigkeit, Freude zu empfinden und zu verbreiten oder sich wohlzufühlen. Menschen mit Behinderung haben die gleichen Grundbedürfnisse wie andere auch.
So weit zum Menschenbild. Aber wie sieht die gesellschaftliche Realität aus? Die Sozialpsychologie der Vorurteile und der Stigmatisierung kennt den Teufelskreis: Eine Person weicht in ihrem Verhalten von der Durchschnittsnorm ab, sie wird primär über dieses abweichende Merkmal von ihrer Umwelt wahrgenommen und definiert, damit als bedrohlich für das "Eigene" empfunden und ausgegrenzt. Dieser Mechanismus negativer Zuschreibung funktioniert perfide und perfekt. Selbst wenn die betroffene Person durch falsche Wahrnehmung zu Unrecht in eine abweichende Schablone gesteckt wird, nimmt sie diese Zuschreibung von außen nach und nach an und verhält sich irgendwann tatsächlich so, wie ihr nachgesagt wird. "Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung" nennt der amerikanische Soziologe Goffman diesen problematischen Prozess.
Natürlich gibt es auch die Abweichung von der Durchschnittsnorm von Geburt an. Aber auch Menschen, die von Geburt an behindert oder krank sind, durchlaufen oft eine Karriere vielfältiger sozialer Diskriminierungen und/oder überzogenen Anpassungsdrucks. Sie müssen sich menschliche Liebe scheinbar erst "verdienen" durch Anpassungsleistungen an die Erwartungen ihrer Umwelt. "Behindert ist man nicht, behindert wird man!" In diesem Slogan der "Aktion Grundgesetz" kommt zum Ausdruck, dass die bereits bei der Geburt vorhandene Schädigung erst durch den benachteiligenden Umgang durch die Gesellschaft zur Behinderung wird, wenn aus einer zuvor aufgetretenen Schädigung auch wirklich Beeinträchtigungen durch Normanforderungen der Gesellschaft erwachsen. So kann es Lernbehinderung z. B. nur in einer Gesellschaft geben, die dem Schreiben und Rechnen als Kulturtechniken hohen Stellenwert beimisst. Je mehr eine Gesellschaft behinderten und kranken Menschen eine umfassende Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen eröffnet, desto weniger wird dieser Mensch durch seine Schädigung auch wirklich zum behinderten Menschen. Wer dagegen immerzu auf Ablehnung trifft, beginnt sich zu wehren. Wenn ein Mensch mit einer Schädigung kein sozial akzeptiertes Protestverhalten gegen seine Benachteiligung durch die Umwelt beherrscht, wehrt er sich ersatzweise vielleicht mit auffälligem Verhalten und wirkt in der Fremdwahrnehmung hierdurch noch stärker behindert.
Im Umgang mit behinderten oder chronisch kranken Menschen haben sich in den letzten Jahrzehnten Leitlinien herausgebildet, die Integration, Normalisierung und Selbstbestimmung umfassen. Während die Integration den Wert gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen mit und ohne Behinderung für alle Beteiligten beschreibt, fordert das Normalisierungsprinzip die Ermöglichung einer nichtbehinderten Menschen weitgehend ähnlichen Lebensgestaltung. Das Selbstbestimmungsprinzip stärkt die Rolle des betroffenen Subjekts im Dialog mit seiner Umwelt, damit der behinderte Mensch seinen eigenen Lebensentwurf möglichst weitgehend mit seinen eigenen Willensentscheidungen beeinflussen kann.
Autor/in: Theo Frühauf, 11.12.2006
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