Hollywood - außerhalb der Norm
In den vergangenen Monaten verstärkte sich der Trend, im Kino Geschichten von Menschen außerhalb der Norm zu erzählen. Nicht nur die "Dogma-Filme" wie Lars von Triers Idioten oder Søren Kragh Jacobsens Mifune sorgen für Irritation, auch weniger bekannte Regisseure befassen sich mit dem diffizilen Thema wie in Ganz normal verliebt oder Vom Fliegen und anderen Träumen.
Renommierte Schauspielerinnen wie Juliette Lewis oder Helena Bonham Carter übernehmen ohne Scheu Rollen, in denen sie nicht schick und schön sind, sondern schwierig. Thematisch eng verwandt sind The Mighty – Gemeinsam sind sie stark und Simon Birch. In beiden Filmen geht es um behinderte Kinder, die als Außenseiter gelten, sich aber mit anderen zusammenschließen und den widrigen Umständen die Stirn bieten. Peter Chelsom, der schon mit Funny Bones in ein Reich der Fantasie entführte, gelang eine fulminante Verfilmung von Rodman Philbricks Kinderroman "Freak the Mighty". Wer bisher glaubte, Filme über jugendliche Außenseiter seien sozialpädagogisch zäh und langweilig, liegt hier falsch. In leisen, aber eindringlichen Tönen erzählt der Brite von der wunderbaren Freundschaft zweier Jungen – der fette Maxwell, nicht gerade mit flinkem Geist gesegnet, ist beliebte Zielschiebe des Spotts seiner Schulkameraden, der neu zugezogene Kevin kann sich wegen einer Rückgratverkrümmung nur an Krücken fortbewegen, begegnet aber jeder Beleidigung mit sarkastischem Witz. Beide sind einsam, Ausgestoßene. Gegen den Rest der Welt schließen sie sich nach einigem Zögern zusammen, ergänzen sich symbiotisch: der furchtlose Kevin als schnell arbeitendes Gehirn, der fast autistische Max als Körper und Beine. Sie wehren sich gegen Hänselei, schaffen sich eine eigene Welt voller Magie, erleben Abenteuer mit den edlen Rittern von Arthurs Tafelrunde. Doch das Morquois Syndrom, das Kevins Körper langsam verkümmern lässt, ist stärker als die Freundschaft. Max, der noch an Kindheitstraumata von Gewalt leidet, erzählt die Ereignisse im Rückblick. Als außergewöhnliche Parabel über die Macht der Fantasie und die Kraft der Humanität entfaltet The Mighty in ausdrucksstarker Bildsprache eine fast hypnotische Wirkung, zeigt kleine Fluchten aus einer kalten Welt. Die zärtliche, zwischen Märchen und Realität angesiedelte Ode an die Freundschaft gibt Hoffnung auf Menschlichkeit und Mut auf Änderung der Verhältnisse.
Auch Regieneuling Mark Steven Johnson beschäftigt sich mit dem Zusammenleben von so genannten Behinderten und Normalen und ließ sich bei Simon Birch von John Irvings Roman "A Prayer for Owen Meany" inspirieren. Wie The Mighty wird auch diese rührende Geschichte als Blick in die Vergangenheit erzählt. Ein erwachsener Mann erinnert sich an seine Kindheit und Jugend in den 60er Jahren in einem kleinen Städtchen in New England. Der damals zwölfjährige Joe, wegen seiner unehelichen Geburt gesellschaftlich geächtet, ist eng mit dem zwergenwüchsigen Simon Birch befreundet, der von seinen Eltern, vor allem vom Vater wegen seiner Behinderung als ungeliebtes Kind gesehen und in seiner Existenz ignoriert wird. Der hochintelligente Simon legt sich gerne mit allen an, vor allem den Reverend bringt er mit bohrenden Fragen zur Weißglut. Er ist überzeugt, irgendwann einmal ein Held zu sein. Und es geschieht: Unter Einsatz des eigenen Lebens rettet er Schulkameraden aus einem im Wasser versunkenen Bus. In beiden Filmen geht es um Freundschaft von Außenseitern, die Normalität in ihre Existenz bringen, aber gleichzeitig dafür sorgen, von den 'Normalos' respektiert zu werden, die sich nicht in Selbstmitleid flüchten oder Mitleid bekommen möchten, sondern selbstbewusst ihre Persönlichkeit entwickeln. Der 11-jährige Ian Michael Smith in der Rolle von Simon ist auch in Wirklichkeit zwergwüchsig, aber in alle sozialen Aktivitäten seines Alters eingebunden – er liest täglich zwei oder drei Bücher, spielt Klavier und Trompete, singt im High-School-Chor. Für den aufgeweckten Jungen, der sich in keiner Weise unterprivilegiert fühlt und volle Akzeptanz durch Familie und Freunde erfährt, gibt es den Unterschied zwischen Normalen und Behinderten nicht. Wie sein Alter Ego im Film weiß er um seine Defizite, aber "die anderen sind auch nicht perfekt", so sein Resümee im Interview. Zwar erreicht Simon Birch nicht die emotionale Stärke und überzeugungskraft von The Mighty, aber beide Filme geben Anlass, Vorurteile zu überdenken und zu relativieren. Wenn sie das nur bei einem einzigen Zuschauer erreichen, hat sich ihre Produktion schon gelohnt.
The Mighty – Gemeinsam sind sie stark
Produktion: Scholastic/Simon Fields, USA 1998. Laufzeit: 100 Min. Regie: Peter Chelsom. Drehbuch: Charles Leavitt, nach dem Roman "Freak the Mighty" von Rodman Philbrick. Kamera: John de Borman. Darsteller: Sharon Stone, Gena Rowlands, Harry Dean Stanton, Gilliam Anderson, James Gandolfini u. a. FBW: wertvoll. FSK: ab 6. Verleih: Scotia
Simon Birch (Über Gürteltiere, Simon und mich)
Produktion: Hollywood Pictures, USA 1998. Laufzeit: 98 Min. Buch und Regie: Mark Steven Johnson, nach dem Roman "A Prayer for Owen Meany" von John Irving. Kamera: Aaron E. Schneider. Darsteller: Ian Michael Smith, Joseph Mazello, Ashley Judd, Oliver Platt, David Strathairn u. a. (nur als Video erschienen!)
Autor/in: Margret Köhler, 11.12.2006
Mifune
Es ist normal, verschieden zu sein
Übersicht Mai/Juni 1999: Themenausgabe Außenseiter (Behinderte)