Eine Gruppe junger Leute in einem Villenviertel in Kopenhagen; die Männer und Frauen 'spielen' ein ungewöhnliches Spiel, eine Art therapeutischer Selbstversuch: Der Öffentlichkeit gegenüber geben sie sich als geistig Behinderte aus – als "gaga" wie sie es nennen. Auch im geschlossenen Zirkel setzen sie ihr Verhalten phasenweise fort. Zumindest eine Teilnehmerin leidet tatsächlich unter psychischen Störungen. Zu der Gruppe stößt gleich zu Beginn eine etwas ältere Frau. Sie schließt sich den jungen Leuten an und beteiligt sich nach anfänglichem Zögern an dem "Experiment". Am Ende stellt sich heraus, dass die Frau nach dem Verlust ihres Kindes in ein tiefes psychisches Loch gefallen war.
Ohne komplette oder befriedigende Antworten liefern zu können, ist
Idioten aus mehreren Gründen ein aufregendes filmisches Experiment. Wer sich jedoch einen psychologisch fundierten Aufschluss über das menschliche Verhalten in Extremsituationen erhofft, wird enttäuscht.
Idioten ist mehr Fragment als geschlossene Form, mehr rohes Spiel als ausgereift filmischer Stil. Der Film ist nach den inzwischen bekannten dänischen "Dogma"-Kriterien gefertigt (Handkamera, keine Filter, keine künstlichen Requisiten, etc.). Das gibt ihm eine quasi-authentische Aura und erinnert an dokumentarische Vorbilder. Natürlich ist alles inszeniert, auch wenn während der Dreharbeiten improvisiert wurde. Lars von Trier ist sich dieses scheinbaren 'Dilemmas' bewusst: "Es ist ein Widerspruch an sich, denn egal, wofür Sie sich entscheiden, es handelt sich immer um Dramaturgie."
"Der Film birgt gewisse Gefahren in sich, weil er mit dem Konzept des Normalen jongliert, mit der Auffassung, wie wir uns zu benehmen bzw. nicht zu benehmen haben. Und wenn man die Vernunft abwertet, dann bricht die Welt leicht auseinander ... Auf der obersten Ebene behandelt der Film unsere Einstellung gegenüber den geistig Behinderten und bis zu welchem Grad wir für sie aufgeschlossen sind. Auf einer darunterliegenden Ebene muss es scheinen, als rechtfertige der Film das Abnorme." (Lars von Trier)
Doch diese 'offene' und unperfekte Form verleiht der Auseinandersetzung mit dem Thema des Films zusätzlichen Reiz.
Idioten fragt sowohl nach den Reaktionen der so genannten 'Normalen' auf geistig behinderte Menschen als auch nach Verhaltensweisen innerhalb der Gruppe: Wie 'fühlt' man sich als Außenseiter in der Gesellschaft der 'Normalen'? Der Nachteil des Dogma-Stils: Der Zuschauer beschäftigt sich beim Betrachten so mancher Sequenz sicherlich mehr mit ästhetischen denn mit inhaltlichen Fragen. Dennoch wüsste man gern mehr über die Intention der jungen Leute, über die Vorgeschichte des Experiments, über die tatsächliche psychische Situation einzelner Gruppenmitglieder. Doch diese 'unscharfe' Form eröffnet dem Film auch Chancen. Er provoziert und fordert zum Nachdenken auf. Für den dazu bereiten Zuschauer ist
Idioten ein interessantes filmisches Experiment. Diejenigen, die klare Antworten auf Fragen nach der Situation psychisch kranker Menschen in unserer Gesellschaft erwarten, dürften zumindest irritiert sein, zumal der spielerische Umgang mit gängigen Klischees über Behinderte nicht nur provokativ, sondern auch diskriminierend für die wirklich Betroffenen verstanden werden kann.
Autor/in: Joachim Kürten, 06.05.1999