Lange bevor die Tochter ins Bild kommt, beherrscht die Mutter die Szene. Mari flattert durch die engen Räume ihres kleinen, englischen Hauses wie ein aufgescheuchtes Huhn. Die Kamera folgt ihr mit gleicher Unstetigkeit. Das gibt dem Anfang von Little Voice genau den flatterhaften Charakter, mit dem Mari nicht fertig wird. Die Frau ist Witwe, Arbeiterin, vor allem ist sie über Fünfzig. Zynisch würde ein Außenstehender sagen, sie sei abgetakelt. Aber diese Zuschreibung kann Mari nicht akzeptieren. Noch lebt sie, noch spürt sie ihre Sexualität. Sie flattert durch die Wohnung, weil sie zwei Männer im Haus hat, Elektriker, die sich mit dem anfälligen englischen Stromnetz abplagen. Männer sind für Mari zu allererst Objekte ihrer Triebe. Krieg' ich den ins Bett? Durch ihr Geburtsdatum ist Mari genötigt, ihre ganz normale Lust auf den Markt des alternden Fleisches zu tragen. Dieser Markt ist in eine Grauzone der sozialen Akzeptanz geraten, weil die Gesellschaft einem hemmungslosen Jugendlichkeitswahn erlegen ist. Mari versucht, sich an die Regeln dieses Wahns zu halten. Sie kleidet, gebärdet und frisiert sich wie ein Teenager, versteckt ihre Falten hinter greller Schminke. Indem sie sich inadäquat zu ihrem Alter verhält, wird sie zur komischen Figur. Ohne Mitleid könnte man sagen: Die Frau benimmt sich idiotisch.
Zunächst sieht es so aus, als würden die Schauspielerin Brenda Blethyn und Regisseur Mark Herman die Figur der Mari mit genau diesem mitleidlosen Blick herstellen und die Frau dem platten Gelächter des schlechten Publikumsgeschmacks preisgeben. Im Verlauf der Filmhandlung wird der Charakter aber immer durchsichtiger, und hinter der bunten Schminkmaske erscheint eine Verzweiflung, die nach der Würde auch des unschön alternden Menschen fragt. Diese Frage wird auch noch an eine zweite Filmfigur gestellt, an Ray Say, den tingelnden Talentsucher mit dem Provinzinstinkt, den Michael Caine spielt. Auch er ist zu alt geworden für die Glitzerklamotten seines Berufsstandes. Er weiß das, darum trinkt er zu viel. Auch sein Verhalten entspricht nicht den Konventionen, ist daher dem Gelächter ausgesetzt. Aber die Fragen fallen auf den prustenden Zuschauer zurück: Was ist eigentlich lächerlich daran, wenn zwei alternde Menschen lautstark und leidenschaftlich Sex haben?
Dennoch entschuldigt der Film die Figur der Mari nicht zur Gänze, da sie auch den Typus der bösen Mutter verkörpert, wie er vor allem von Alfred Hitchcock etabliert wurde. Aus dem Zimmer über Maris Wohnung klingen alte Lieder herunter, Songs von Judy Garland, Marilyn Monroe oder Shirley Bassey. Dort oben lebt Maris Tochter mit dem Spitznamen "L.V."; das steht für "Little Voice". Und dort oben ist auch der Film anders. Die Kamera wird ruhig, der Montagerhythmus holt Atem. Ins Zentrum der Bilder tritt die Schauspielerin Jane Horrocks mit dem blonden Bubikopfschnitt über dem Gesicht eines sanften Vogels. Sie führt "L.V." als traumatisiertes Opfer vor, ganz zerbrechlich, beinahe autistisch. Eigentlich ist sogar der Spitzname falsch, denn seit dem Tod des Vaters spricht das Mädchen nicht mehr. Sie weiß, dass die Mutter an diesem Tod nicht unschuldig ist. Also beschränkt sie sich darauf, die Lieder aus der großen Plattensammlung ihres Vaters in täuschender Imitation der Stars nachzusingen. Sie hat sich in das Ersatzleben der Schlagersehnsüchte geflüchtet. Gerade für die hypervitalisierte Mari ist sie damit erst recht eine Idiotin.
Der Film
Little Voice erzählt die Geschichte der Emanzipation dieses Mädchens. Und er erzählt von der Vermarktbarkeit jedes Talentes im gierigen Showbusiness. Aber Mark Herman will damit keine Kritik an diesem Geschäft üben. Es ist vielmehr ein Anstoß für das Sozialmärchen, das er nach der schrill-stillen Exposition entfaltet. Aus Bösem wird Gutes. Mari und Ray Say zerren "L.V." aus eigensüchtiger Geschäftemacherei auf die Bühne. Doch gerade damit lösen sie ihre Selbstbefreiung aus. Sie kann erst singen, als ihr der Geist des Vaters erscheint. Das ist realistisch gefilmt, beschreibt aber den psychotherapeutischen Vorgang der Vergegenwärtigung und damit Lösung eines Traumas. Dann gibt es einen großen, ergreifenden Kinomoment, wenn Jane Horrocks die Stimmen der weiblichen Stars dieser Illusions-Industrie perfekt imitiert. Es ist ein Moment "irgendwo über dem Regenbogen", denn selbstverständlich gehört auch Judy Garlands Song aus Der Zauberer von Oz in das Repertoire. Schließlich darf sogar ein Prinz die verwunschene Prinzessin "L.V." aus Verzweiflung und Feuersnot retten. Denn einer der beiden Elektriker war auch für sie bestimmt, ebenfalls ein Außenseiter, ein Brieftaubenzüchter, der sich den üblichen Männlichkeits-Ritualen verweigert.
Ist also
Little Voice nur Kino? Gewiss, aber kein Kitsch. Denn die soziale Realität einer nordenglischen Arbeiterstadt bleibt ebenso präsent, wie die Lebenswirklichkeit, die aus den Filmfiguren vieldimensionale Charaktere gemacht hat. Einfache Happy Endings gibt es auch nicht. Vielleicht ist es ein besonders gutes Ende, dass "L.V." schließlich zu ihrer Mutter sagen kann: "Ich heiße Laura". Das heißt: Ich habe einen Namen, ich bin ich selbst, ich bin eine Persönlichkeit geworden.
Autor/in: Herbert Heinzelmann, 06.05.1999