Am Morgen nach der Hochzeitsnacht erfährt der Yuppie Kresten, der gerade die Tochter seines reichen Chefs geheiratet hat, dass sein Vater im heimischen Lolland gestorben ist. Nun muss er Kopenhagen verlassen und sich um seinen geistig zurückgebliebenen Bruder Rud kümmern, der allein in dem heruntergekommenen Elternhaus haust. Zur Betreuung Ruds und des Haushalts stellt Kresten die hübsche Liva als Haushälterin an. Diese ist jedoch ein Call-Girl, das vor einem hartnäckigen Telefonterroristen untergetaucht ist. Nach kurzer Zeit holt sie ihren kleinen Bruder Bjarke zu sich, der wegen seiner Provokationen aus einem Internat geflogen ist. Als sich die vier gerade halbwegs arrangiert haben, kommt Krestens eifersüchtige Frau unangemeldet vorbei.
Der behinderte Rud fungiert gegenüber Kresten wie ein Katalysator. Während Rud in sich selbst ruht und sich kaum verändert, durchläuft der zunächst auf äußeren Schein bedachte Bruder einen mehrstufigen schmerzhaften Reifungsprozess. Im ersten Schritt muss sich der soziale Aufsteiger durch den plötzlichen Tod des Vaters gegenüber seiner 'erschwindelten' neuen Familie zu seiner wirklichen Herkunft bekennen. Als Nächstes lernt er Verantwortung für den aus seiner heilen Welt verdrängten Bruder zu übernehmen. Im dritten Schritt wird er durch die verständnislose Gattin, die ihm nach der abrupten Trennung Auto, Job und sozialen Status nimmt, in die verheimlichte Ärmlichkeit zurückgestoßen. Schließlich ringt er sich in der Auseinandersetzung mit Liva dazu durch, endlich zu seinen Gefühlen zu stehen. In der neuen "Ersatzfamilie" findet das Quartett Geborgenheit, auch wenn die ökonomischen Lebensbedingungen am Ende ungeklärt bleiben. Es ist kein Zufall, dass die vier Außenseiter sich zusammenschließen, denn alle sind auf unterschiedliche Weise Opfer sozialer Stigmatisierungsprozesse. So verschweigt die kontaktfreudige Haushälterin Liva ihre Vergangenheit, um den Job zu bekommen, ihr Bruder gilt als schwer erziehbar, und Rud wird von ruppigen Nachbarn als Depp verhöhnt. Als ein fieser Nachbar hinter Livas wahre Identität kommt und sie zusammen mit einigen Kumpels vergewaltigen will, wird der zu Hilfe eilende Kresten verprügelt und gehört von nun an auch zu den Ausgegrenzten.
Obwohl Rud wie ein großes Kind mit unterentwickeltem Intellekt wirkt, ist gerade er es, der mit seiner unmittelbaren, direkten und offenen Art ehrliche Beziehungen eingehen kann und damit als Gegenpol zum misstrauischen, freindseligen und verächtlichen Verhalten der Nachbarn wirkt. Seine soziale Kompetenz erinnert an Dostojewskis Verständnis vom Idioten als einer Ausnahmepersönlichkeit mit versittlichender Kraft, und in diesem Sinn ist der verspielte Ufo- und Mifune-Fan Rud durchaus ein Idiot. Sein naiver Spieltrieb weckt in dem verstockten Yuppie-Bruder erst Mitleid, dann das Gewissen. Paradigmatisch dafür ist jene Szene kurz nach der Rückkehr Krestens, in der er den titelgebenden Schauspieler Toshiro Mifune in Akira Kurosawas Meisterwerk
Die sieben Samurai imitiert. Nach dem wilden Herumtoben und ausgelassenen Maskenspiel im Keller erkennt Kresten, dass er seinen Bruder nicht einfach in ein Heim abschieben kann. Ruds starkes Bedürfnis nach Zuwendung initiiert schließlich den Aufbau der 'Surrogatfamilie', in der sich die soziale Ausgrenzung zumindest parziell überwinden lässt. Gegenüber den Gefährdungen der chaotischen Außenwelt (Prostitution, Gewalt, Klassenschranken, Intoleranz) wird der einsame Hof am Ende gleichsam zur Insel der Seligen stilisiert. Insofern enthält das romantisierende Familiendrama auch eine eskapistische Note.
Über den familiären Konflikten und emotionalen Verstrickungen vergisst der bekannte dänische Regisseur Søren Kragh-Jacobsen keineswegs den Humor, lockert er sein Außenseiterdrama doch mit lakonischen Dialogen und viel Situationskomik auf.
Mifune ist nach dem provokativen
Idioten von Lars von Trier und dem verstörenden
Fest von Thomas Vinterberg der dritte Film, der nach den Prinzipien der dänischen Dogma 95-Gruppe gedreht wurde. Im Vergleich zu diesen Produktionen wirkt Kragh-Jacobsens "Romanze in Dur" (ein Selbstkommentar) erzählerisch fast konventionell und ausgesprochen heiter, zumal die Spielfreude der Hauptdarsteller sich rasch auf das Publikum überträgt.
Autor/in: Reinhard Kleber, 06.05.1999