Einführung
Wer will schon ein Idiot sein...
In mehr als zehn internationalen Kinofilmen aus dem aktuellen Kinojahr spielen geistig oder/und körperlich behinderte und psychisch problembeladene oder traumatisierte Menschen eine wichtige Rolle, als Handlungsträger selbst oder zumindest als Katalysator für die Hauptfiguren, die im Film erst noch eine persönliche Entwicklung durchlaufen. In allen Fällen reflektieren sie damit auch das Verhältnis von "Normalität" und Außenseitertum sowie die geltenden Normen und Werte in unserer Gesellschaft.
Umgangssprachlich und leichtfertig werden insbesondere die geistig Behinderten gerne mit dem Attribut "Idiot" belegt, wenn auch in den seltensten Fällen die medizinische Definition des Begriffs zutrifft, als Menschen mit einem "angeborenen oder durch frühkindliche Gehirnschädigung erworbenen, höchsten Grad des Schwachsinns" (Brockhaus). Der Begriff "Idiot" ist fast immer eine willkürliche Zuschreibung, von der Menschen mit Behinderung und mit Verhaltensauffälligkeiten besonders betroffen sind. Ihnen gemeinsam ist, dass sie nicht so 'funktionieren', wie es die Gesellschaft erwartet. Sie können oder wollen sich den gesellschaftlichen Erfordernissen nicht ohne Weiteres anpassen und wirken dabei als Spiegel ihrer Umgebung. Manchmal übernehmen sie auch nur widerwillig bestimmte Rollen, um wenigstens äußerlich den Erwartungen einer Gruppe zu entsprechen. Die damit verbundenen Stigmatisierungsprozesse und die gesellschaftlichen Konsequenzen, die aus der Ausgrenzung von Menschen erwachsen, weil sie geistig zurückgeblieben sind oder durch anderes Verhalten hervorstechen, werden häufig im Spielfilm reflektiert, nicht zuletzt weil sie dramatische Entwicklungen vorantreiben.
Doch warum beschäftigt sich besonders der Kulturbetrieb nicht erst seit Erfindung des Films so gerne mit "Idioten"? Die unwiderstehliche Anziehungskraft von "Idioten" im gesamten Kulturbetrieb findet sich u. a. bereits bei Cervantes (Don Quichote) und später bei Dostojewkij, der 1869 seinen Roman "Der Idiot" veröffentlichte. Der Idiot ist bei ihm ein im positiven Sinn schöner Mensch von großer sittlicher Kraft, ein unter Epilepsie leidender Fürst mit ungewöhnlicher Persönlichkeit, der in Konflikt mit der unvollkommenen und chaotisch erlebten Welt komisch erscheinen muss und beim Leser die Fähigkeit zum Mitleiden erwecken soll. In diesem Sinn – und möglicherweise auch im Sinn der vorgestellten Filme – ist ein Idiot ein Mensch, der das gestörte Verhältnis des modernen Menschen zur Schöpfung bzw. zur Natur zum Ausdruck bringt, menschliche Grundwerte verkörpert und sich auf der Suche nach einer besseren Welt befindet, was Gesellschaftskritik impliziert.
Dagegen verwenden 'normale' Menschen die eher verächtlich klingende Zuschreibung "Idiot" häufig auch zur Abgrenzung und Selbstvergewisserung, indem zum Beispiel eine Gruppe oder eine Gemeinschaft mit der "Produktion" von Außenseitern und deren Stigmatisierung ihr eigenes Gemeinschaftsgefühl zu stärken sucht. Solche Prozesse laufen nicht immer bewusst ab, sie müssen reflektiert werden. Manchmal erfolgt eine Ausgrenzung auch aus Unkenntnis oder Unsicherheit, wie man sich Menschen mit besonderen Verhaltensweisen gegenüber verhalten soll. Auf subtile Weise mobilisieren diese Menschen in uns schließlich eine menschliche Grundangst, die Kontrolle über sich (Körper und Geist) zu verlieren, was im Extremfall den Verlust der Ich-Identität bedeutet, mit mangelnder positiver Bestätigung und Stigmatisierung beginnt und in Entmündigung oder gar im Wahnsinn enden kann. Umgekehrt können solche Befürchtungen auch die Fähigkeit zur Empathie und zum Mitleiden wecken.
Die unterschiedlichen Bedeutungsebenen und sozialen Prozesse, die mit dem Begriff "Idiot" verbunden sind, spiegeln sich auch in den vorgestellten Filmen: In MIFUNE wird ein geistig Retardierter zum Indikator der sinnentleerten, aus den Fugen geratenen Welt seines Bruders, und zum Katalysator für eine Ersatzfamilie, die ihn als Behinderten voll integriert. In THE MIGHTY und SIMON BIRCH finden behinderte Kinder, die ein Außenseiterdasein fristen, zu einer Symbiose mit anderen Menschen und zu einer Aufgabe im Leben, die ihnen (und dem Publikum) ihre eigene Wichtigkeit und Unersetzbarkeit vor Augen führt. In IDIOTEN nehmen psychisch labile Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen, aus therapeutischen Überlegungen das Stigma von Idioten bewusst an, um gerade mit diesem scheinbaren Widerspruch ihre Identität zu festigen. Und in LITTLE VOICE findet eine traumatisierte junge Frau, die sich zunächst ganz in ihre Welt zurückgezogen hat, über ihre Würde zu gesellschaftlicher Anerkennung – und zur großen Liebe.
Autor/in: Holger Twele, 11.12.2006
Mifune
Übersicht Mai/Juni 1999: Themenausgabe Außenseiter (Behinderte)