Der Henker sieht aus wie ein Mann mit Magengeschwüren, klein, mager, mit Glatze. Er überprüft sein Handwerkszeug, zieht am Strang, ölt seine Winde, stellt eine gelbe Plastikwanne unter die Klappe, in die der Delinquent stürzen wird. Er tut seinen Job hinter einem Vorhang. Der klemmt.
Später wird der Henker bei der Arbeit gezeigt. Ein junger Mann ist hinzurichten, ein Mörder. Er wird in den Raum vor dem Vorhang geführt, das Todesurteil wird verlesen. Man bietet ihm die letzte Zigarette an. Dann ergreifen ihn viel zu viele Vollzugsbeamte. Er wehrt sich, als der Vorhang rüde aufgerissen wird. Plötzlich ist alles ganz hastig: Der Henker wurstelt die Schlinge um den Hals, öffnet die Klappe. Der Körper fällt. Zucken. Ein Arzt legt das Stethoskop an. In die gelbe Plastikwanne tropfen Exkremente.
In keinem Film ist je genauer und unerschütterlicher gegen die Todesstrafe argumentiert worden und das ohne Wortschwall, ohne Lamento, ohne Pathos. Kieslowski arbeitet mit der Haltung, die dem Kino gemäß ist: Er zeigt die zwei Seiten der Medaille des Mordens. Denn genauso unerbittlich wie die Hinrichtung des jungen Mannes hat er dessen Tat gefilmt: Sinnlos bringt er einen Taxifahrer um. Er würgt sein Opfer, er schlägt es, er zerschmettert ihm den Kopf mit einem Stein. Ein blutiges Gebiss fällt aus dem Mund.
Ein kurzer Film über das Töten ist die Kinoversion des fünften Teils einer Fernsehserie über den Dekalog; der Teil über das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten! Präziser: Morde nicht! Die Bibel nimmt diese ausnahmslose Verfügung nur zwei Kapitel später zurück, wenn in Mose 2.21 todeswürdige Verbrechen aufgezählt werden. Bei Kieslowski hat der gewaltsame Tod auch keine staatliche Würde.
Krszysztof Kieslowski ist am 13. März nach einem Herzinfarkt gestorben. Er war 54 Jahre alt und hatte seinen Abschied vom Kino erklärt. Als
Ein kurzer Film über das Töten 1988 den Europäischen Filmpreis bekam, war der polnische Regisseur und Dokumentarfilmer nahezu unbekannt. Er hat dann in sehr kurzer Zeit alles gesagt, was er noch sagen wollte: Dass das Leben womöglich und das Kino ganz gewiss das Wunder des Doppelgängers kennt in
Die zwei Leben der Veronika und dass die Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die sich in den
Drei Farben: Blau, Weiß, Rot symbolisieren, nur in (Kino-)Träumen zu realisieren sind.
Autor/in: Herbert Heinzelmann, 01.04.1996