Citizen Kane, der Debütfilm des 24-jährigen Regisseurs, Autors und Hauptdarstellers Orson Welles, erzählt die fiktive Lebensgeschichte eines einsam verstorbenen amerikanischen Zeitungsverlegers. Zweimal führte der Film die Liste der "100 besten amerikanischen Filme aller Zeiten" des renommierten American Film Institute an. Trotzdem ist gerade ein junges Publikum, das Citizen Kane mit diesem Vorwissen erlebt, häufig enttäuscht. Denn die revolutionären Neuerungen, die Welles vor 66 Jahren in das Kino Hollywoods einbrachte, sind inzwischen in die filmischen Erzähltraditionen eingegangen. Dennoch sind ähnlich klare Analysen der Verhältnisse von Macht, Medien und Individuum in der Filmgeschichte bis heute selten geblieben.
Für die Dreharbeiten seines ersten Hollywood-Spielfilms hatte Welles vom Studio RKO völlig freie Hand bekommen. Er nutzte diese Freiheit, um Erzählformen der Moderne in das Medium Film einzuführen. Anstelle einer eindimensionalen Handlung, erzählt Welles die Geschichte von Aufstieg und Fall des Bürgers Charles Foster Kane aus unterschiedlichen Perspektiven. Handlungsträger ist ein Reporter, der nach Kanes Tod Zeitzeugen/innen befragt, um ein wahres Bild der berühmten Persönlichkeit zu erhalten und das Rätsel seines Sterbewortes "Rosebud" zu lösen. Gegen die Eindeutigkeit einer Geschichte setzt Welles verschiedene Ansichten zu einer Geschichte. Damit bürdet er den Zuschauenden die Freiheit der Mitentscheidung auf. Diese wird ebenso durch die Kameraarbeit gewährt, die mit der damals außergewöhnlichen Technik der Tiefenschärfe die gesamte räumliche Dimension des Filmbilds als Spielraum entdeckt. Die Handlung entwickelt sich – wie auf der Theaterbühne – auf unterschiedlichen Ebenen und muss bewusst rezipiert werden.
Citizen Kane enthält allerdings nicht nur formale Innovationen. In seiner Figur eines Zeitungszaren mit politischen Ambitionen hatte Orson Welles den realen Medien-Tycoon Randolph Hearst karikiert und kritisiert. Sein Film handelt von der Gefahr, die von weltanschaulich geprägter Medienkonzentration ausgehen kann und ist daher inhaltlich weiter aktuell. Vergeblich hatte Hearst versucht, die Uraufführung von Citizen Kane zu verhindern. Eines der wichtigsten Werke der Filmgeschichte steht immer noch zur Diskussion.
Autor/in: Herbert Heinzelmann, 17.10.2006
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