Kategorie: Filmbesprechung
"Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf"
Dokumentarfilm über einen Holocaust-Überlebenden, der mit über 80 nach Deutschland zurückkehrte und sich als Zeitzeuge engagierte.
Unterrichtsfächer
Thema
Bildungsrelevant, weil der Film die Bedeutung persönlicher Zeugenschaft für die Auseinandersetzung mit der Shoah erfahrbar macht.
Als Albrecht Weinberg 1947 in die USA auswanderte, schwor er sich, niemals nach Deutschland zurückzukehren – in das Land der Täter, die ihn während des Nationalsozialismus verfolgt und seine Eltern sowie einen Großteil seiner Familie in Auschwitz und anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet hatten. 2012 kehrt er zusammen mit seiner Schwester Friedel – beide auf die 90 zugehend und pflegebedürftig – auf Einladung der Stadt Leer in sein Geburtsland zurück. Nach Friedels Tod zieht Weinberg mit seiner ehemaligen Pflegerin Gerda Dänekas zusammen. Der Zum Inhalt: Dokumentarfilm zeigt ihr vertrautes und liebevolles Zusammenleben, begleitet sie beim Frühstück, beim Einkaufen oder beim Schnack mit der Friseurin. In diese Alltagsszenen bettet der Film Weinbergs Erinnerungen an Verfolgung und Holocaust ein, an die Zwangsarbeit, die Deportation nach Auschwitz und Mittelbau-Dora und den Todesmarsch nach Bergen-Belsen. Dass die Vergangenheit Weinberg nicht loslässt, darauf verweist bereits der Untertitel des Films: „Es ist immer in meinem Kopf“. Er kann nicht vergessen, wie er, der sich selbstverständlich als Ostfriese verstand, ab 1933 als Jude zunehmend aus der Gesellschaft ausgeschlossen und diskriminiert wurde: Freunde wollten nicht mehr mit ihm spielen, Nachbarn sangen antisemitische Schmählieder, jüdische Bekannte wurden während der Novemberpogrome in ein Schlachthaus auf dem Viehmarkt gesperrt.
Weinberg will das Erinnern an die Shoah wachhalten und so berichtet er bei Schulbesuchen, Gedenkveranstaltungen und Jahrestagen von seinen Erfahrungen. Seine klaren, oft lakonischen Schilderungen machen aus historischen Ereignissen persönliche Erlebnisse und verleihen seiner Zeugenschaft besondere Eindringlichkeit. Der Film zeigt ihn dabei nahbar und immer wieder gemeinsam mit jungen Menschen, die seinen Erzählungen aufmerksam und sichtlich bewegt folgen. Auch Dänekas wird zur Vermittlerin von Weinbergs Geschichte: Als Nachgeborene setzt sie sich mit deutscher Schuld und Verantwortung auseinander, spricht bisweilen für ihn und vertritt seine Anliegen. Begegnungen wie mit dem ehemaligen Hitlerjungen und späteren Pastor Carl Osterwald hingegen zeigen, dass Versöhnung für Weinberg nicht vorstellbar ist. Zwar sagt er über die Deutschen: „Ich habe Leute kennengelernt, die Menschen sind.“ Zugleich stellt er klar: „Ich habe keine Heimat.“
Mit dem Terrorangriff der radikalislamischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 greift der Film schließlich ein aktuelles politisches Geschehen auf. Weinberg verfolgt die Bilder im Fernsehen und fragt, warum es immer wieder Juden treffe. Die Zum Inhalt: Szene zeigt Weinberg in einem persönlichen Moment und macht sichtbar, wie er gegenwärtige Ereignisse vor dem Hintergrund seiner eigenen Verfolgungserfahrungen wahrnimmt.
Erinnerungskultur nach der Zeitzeugenschaft
"Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf" porträtiert einen Shoah-Überlebenden, der sich bis kurz vor seinem Tod im Mai 2026 als Zeitzeuge engagiert hat. Zugleich steht der Film für den Übergang von persönlicher zu medial vermittelter Zeugenschaft, wird gleichsam selbst zu einem Zeugnis für kommende Generationen. Bereits Claude Lanzmanns Zum Filmarchiv: "Shoah" (FR 1985) rückte die Aussagen von Überlebenden ins Zentrum der filmischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Neuere Produktionen wie Zum Filmarchiv: "Ich bin! Margot Friedländer" (Raymond Ley, DE 2023) entstehen nun zu einem Zeitpunkt, an dem die letzten Überlebenden gealtert sind und sterben und persönliche Begegnungen bald nicht mehr möglich sein werden. Damit verändert sich auch die Funktion solcher Filme: Sie dokumentieren nicht nur individuelle Erinnerungen, sondern überführen persönliche Zeitzeugenschaft in medial vermittelte Formen. Filme wie Zum Filmarchiv: "Endlich Tacheles" (Jana Matthes, Andrea Schramm, DE/IL 2020), der die Auseinandersetzung der dritten Generation mit der Shoah thematisiert, richten den Blick bereits auf die Frage, wie Erinnerung künftig weitergegeben werden kann.
Persönliche und historische Dokumente
Güner Balci und Jesco Denzel begleiten Weinberg vier Jahre durch seinen Alltag. Auf Zum externen Inhalt: Reenactments (öffnet im neuen Tab) verzichtet der Film, stattdessen setzt er auf eine reportagenahe Erzählweise. Im Zentrum der historischen Rückblicke stehen private Fotografien aus Weinbergs Besitz, die er zum Teil vor seiner Deportation in Berlin verstecken konnte. Sie lassen die Menschen und das Leben vor der Verfolgung sichtbar werden und verbinden Weinbergs persönliche Erinnerungen mit konkreten Gesichtern und Orten. Ergänzt werden sie durch wenige historische Filmaufnahmen sowie düstere Bilder ehemaliger Konzentrations- und Vernichtungslager. Mit einfachen filmischen Mitteln entsteht so eine berührende Form der Erinnerungsarbeit. Die Kamera bleibt dabei nah (Glossar: Zum Inhalt: Einstellungsgrößen) an ihrem Protagonisten und unterstreicht die Intimität seiner Erzählungen, während weite Landschaftsaufnahmen Raum für Reflexion schaffen.
Die Zum Inhalt: Filmmusik greift Weinbergs Verbundenheit mit dem Judentum sowie mit Israel auf. Lieder wie Am Israel Chai verbinden Erfahrungen von Verlust und Bedrohung mit der Hoffnung auf das Fortbestehen jüdischen Lebens.
Weiterführende Links
- External Link Website des Verleihs
- External Link filmportal.de
- External Link YouTube: ZDF 37 °: Die Nummer auf meinem Arm
- External Link ARD-Mediathek: Jahrhundertzeugen – Albrecht Weinberg (eine Graphic-Novel-Erzählung)
- External Link Stiftung Gedenkstätten: Albrecht Weinberg
- External Link ZEIT.de: Holocaustüberlebender Albrecht Weinberg gestorben