Kategorie: Filmbesprechung
"Sunny Dancer"
Eine 17-Jährige findet in einem Sommerlager für krebskranke Jugendliche nicht nur neue Freundschaften, sondern auch Kraft und Zuversicht.
Unterrichtsfächer
Thema
Bildungsrelevant, weil der Jugendfilm humorvoll und angenehm klischeefrei vom Umgang mit Krankheit und Verlust erzählt.
Ivy ist 17 und hat eine Krebserkrankung überlebt. Nach einer erfolgreichen Behandlung ist sie seit zehn Monaten in Remission. Doch so sehr sie die Krankheit hinter sich lassen und eine normale Teenagerin sein will, ist nichts mehr wie vorher. Wütend und isoliert hat Ivy sich in sich selbst zurückgezogen – bis ihre besorgten Eltern sie ungefragt für ein Sommercamp für an Krebs erkrankte Jugendliche anmelden. Ivy kann sich zunächst nichts Schrecklicheres vorstellen, als ihre Ferien in einem – wie sie es abfällig nennt – „Chemo-Camp für Freaks“ zu verbringen. Doch nach einigen Startschwierigkeiten findet sie Anschluss in der Clique ihrer quirligen Zimmernachbarin Ella. Zwischen heimlichen Partys im Wald, tiefgehenden Gesprächen und sommerlichen Abenteuern erlebt Ivy wieder Lebensfreude, knüpft neue Freundschaften und verliebt sich zum ersten Mal, erfährt aber auch Verlust.
Weiterleben nach der Erkrankung
"Sunny Dancer" setzt dort an, wo Geschichten über Krebs idealerweise aufhören: Nach dem vermeintlichen Happy End, wenn die Krankheit erst einmal besiegt ist. Welche Spuren hinterlässt eine schwere Erkrankung vor allem bei jungen Menschen? Wie gelingt das Weiterleben, wenn es so lange vor allem ums Überleben ging? Ivy ist keine tragische Heldinnenfigur, sondern eine glaubwürdig gezeichnete Jugendliche mit widersprüchlichen und teils heftigen Gefühlen. Sie wehrt sich dagegen, auf ihre Krebserkrankung reduziert zu werden und als Projektionsfläche für Mitleid oder Mut machende Erfolgsgeschichte herhalten zu müssen. Gleichzeitig ist sie geprägt von einer Extremsituation, die die meisten Gleichaltrigen kaum nachvollziehen können. Menschen, die ihr nahestanden, sind von der Bildfläche verschwunden, weil der Umgang mit der Krankheit zu viel wurde, und auch Ivy selbst hat sich von der Außenwelt isoliert. Dazu kommt die Angst vor einem Rückfall.
Nachwuchsstar Bella Ramsey spielt Ivy mit einer berührenden Mischung aus Verletzlichkeit und Härte, die sich im Laufe des Films langsam auflöst: Bei ihren neuen Freund/-innen findet sie nicht nur Zugehörigkeit und Akzeptanz, sondern auch Normalität. Vor ihnen muss Ivy sich nicht erklären und kann auch mal sarkastische Witze über Krebs machen. Die geteilte Erfahrung mit Krankheit und drohendem Tod ist zwar immer gegenwärtig, aber rückt in den Hintergrund, sodass endlich wieder Raum für jugendliche Unbeschwertheit entsteht.
Zwischen Sommerkomödie und Coming-of-Age-Film
Trotz seiner schwerwiegenden Themen hat "Sunny Dancer" also wenig mit den Zum Inhalt: Coming-of-Age-Dramen über schwer kranke Teenager/-innen gemein, die nach dem Publikumserfolg von Zum Filmarchiv: "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" ("The Fault in Our Stars", Josh Boone, USA 2014) fast zu einem eigenen Zum Inhalt: Genre avanciert sind. Regisseur George Jaques hat in erster Linie eine sommerliche Zum Inhalt: Komödie voller Leichtigkeit und Lebensfreude gedreht. Die mitreißende Energie des Films entsteht dabei vor allem aus der Dynamik der zentralen Freundesgruppe – bestehend aus Ivys etwas überdrehter Zimmernachbarin Ella, dem stillen, aber liebenswerten Archie, Tarot-Fan Maisie, dem schwarzhumorigen Ralph und schließlich dem selbstbewussten, zugleich sensiblen Jake. Mit ihm beginnt Ivy eine Ferienromanze, die für beide bald zu etwas Ernsterem wird.
In der Arbeit mit dem jungen Schauspielensemble hat Regisseur Jaques besonderen Wert auf Beziehungsentwicklung und einen gemeinsamen Probenprozess gelegt. Zum Inhalt: Szenen wurden während des Drehs zum Teil improvisiert, mit der Anweisung, einfach wild drauf loszuspielen. Das merkt man dem Film und vor allen den Figuren im besten Sinne an: Die gegenseitige Nähe, ihre liebevollen Sticheleien und ihr Vertrauen zueinander wirken sofort glaubwürdig.
Lebensfreude statt Krankheitsbilder
Visuell hebt sich "Sunny Dancer "ebenfalls von anderen Jugendfilmen ab, die sich mit Krebserkrankungen beschäftigen. Die Bilder sind geprägt von den malerischen wilden Landschaften der schottischen Highlands (Glossar: Zum Inhalt: Drehort/Set). Statt von sterilen weißen Krankenhausfluren sind die Jugendlichen umgeben von den erdigen Grün- und Brauntönen (Glossar: Zum Inhalt: Farbgestaltung) der Natur. Warmes Sonnenlicht ersetzt weiße Neonröhren (Glossar: Zum Inhalt: Licht und Lichtgestaltung). Die Kamera zeigt die Teenager oft in Bewegung: Sie toben im See, tanzen ausgelassen im Wald oder heimlich im Bungalow. Eine wichtige Rolle spielt auch eine Choreografie zum Song I Don't Feel Like Dancin‘ der US-Band Scissors Sisters, die Ivy sich mit ihren Eltern ausgedacht hat und die zum Symbol für ihr allmähliches Auftauen und Loslassen wird. Der sommerliche Indie-Pop-Soundtrack (Glossar: Zum Inhalt: Filmmusik) unterstützt die lebensbejahende Stimmung.
Erst im letzten Akt kann es der Film nicht ganz vermeiden, in genretypische Muster zu verfallen. Ein plötzlicher Zum Inhalt: Plot-Twist wirkt konstruiert und wenig vorbereitet, was den Film zeitweise ins Melodramatische kippen lässt. Insgesamt überzeugt "Sunny Dancer" trotzdem durch seine Natürlichkeit und seinen ungezwungenen Humor. Mit einem frischen Blick auf ein oft klischeebehaftetes Thema erzählt der Film eine universelle Geschichte über den Umgang mit Krankheit, Rückschlägen und Verlust – und die Frage, wie man danach zurück ins Leben findet.