Kategorie: Interview
"Kunst kann einen Beitrag zur Heilung leisten"
Im Interview berichtet Hasan Hadi, Regisseur von "Ein Kuchen für den Präsidenten", über die Dreharbeiten in seinem Heimatland Irak und über seine Erfahrungen mit Kindern als Darstellern.
Regisseur Hasan Hadi wuchs während des Zweiten Golfkriegs (1990/91) im
Südirak auf. Bevor er seine Filmlaufbahn begann, arbeitete er viele Jahre als Journalist. Zum Filmarchiv: "Ein Kuchen für den Präsidenten" ist sein erster Zum Inhalt: Spielfilm.
kinofenster.de: Welche Erfahrungen aus ihrer eigenen Biografie sind in den Film eingeflossen?
Hasan Hadi: Ich wurde als Schüler selbst für den Geburtstag des Präsidenten ausgewählt. Zwar nicht für den Geburtstagskuchen, aber ich musste Blumen mitbringen. Das war einfach, weil die Lehrer sich nicht wirklich darum kümmerten. In dieser Hinsicht hatte ich Glück. Ich hatte aber einen Freund, der für den Kuchen ausgewählt wurde. Leider hat mein Freund es nicht geschafft, den Kuchen zu backen. Deshalb wurde er von der Schule verwiesen. Das hat sein ganzes weiteres Leben beeinflusst. Er schloss sich Saddam Husseins Kinderarmee an. Diese Vorstellung, dass etwas so Zufälliges und Einfaches wie das Backen eines Geburtstagskuchens dein ganzes Schicksal verändern kann, verfolgt mich bis heute.
kinofenster.de: Sie haben den Film komplett im Irak gedreht. Wie waren die Drehbedingungen?
Hasan Hadi: Die Herausforderungen waren immens, sowohl technischer als auch künstlerischer Natur. Es gibt im Irak kaum Firmen, die Technik verleihen, kaum Ausrüstung, keine Filmorganisationen, von denen man leicht Genehmigungen einholen und alle Dokumente für die Dreharbeiten erhalten kann. Zudem hatten wir nicht so viele Crewmitglieder, wie wir gebraucht hätten, viele hatten nur begrenzte Fähigkeiten. Es gibt keine Schauspielschule für Kinder. Ich bin der Meinung, dass eines der wichtigsten Elemente in der Kunst oder beim Filmemachen darin besteht, dass es auch der Gemeinschaft zugutekommen sollte, über die es erzählt. Deshalb habe ich darauf bestanden, den Film im Irak zu drehen. Weil ich fest davon überzeugt bin, dass dies zum Aufbau einer Filmindustrie beiträgt.
kinofenster.de: Wie waren ihre Erfahrungen bei den Dreharbeiten mit den Kindern?
Hasan Hadi: Die Erfahrung war unvergesslich und angenehm. Ein Trick im Umgang mit Kindern ist, sie nicht so zu behandeln, als wären sie weniger klug oder weniger fähig zu verstehen, was vor sich geht. Man sollte mit Kindern wie mit Erwachsenen sprechen. Emotional sind sie manchmal intelligenter als Erwachsene. Wir haben vorab einen Workshop gemacht, im dem wir erklärt haben, was es bedeutet, einen Film zu drehen. Dabei haben wir den Kindern erklärt, dass es nicht unbedingt ihr Fehler ist, wenn wir Zum Inhalt: Szenen mehrfach drehen müssen. In ihrem allerersten Film sollten die Kinder emotional und körperlich geschützt werden. Sie sollten nicht das Gefühl haben, dass die gesamte Verantwortung für den Film allein bei ihnen liegt.
kinofenster.de: Wie würden Sie die Perspektive des Filmes beschreiben?
Hasan Hadi: Ich versuche, so objektiv wie möglich zu sein. Deshalb wird der Film aus der Perspektive von Kindern erzählt. Kinder sind nicht politisch. Sie haben keine Agenda. Sie sind unvoreingenommen. Sie haben keinen Filter.
kinofenster.de: Für welche Altersgruppe ist der Film und warum?
Hasan Hadi: Für Kinder ab neun Jahren. Weil Kinder in diesem Alter schon viele emotionale Erfahrungen gemacht haben, so dass sie in der Lage sind, so etwas zu filmisch mitzuerleben Das sieht man auch bei Kinderschauspielern. Mit neun Jahren verstehen sie die Entwicklung einer Figur viel besser als beispielsweise ein vierjähriges Kind, denn sie haben wahrscheinlich schon Verluste oder Liebe erlebt. Ganz zu schweigen davon, dass Kinder heute Zugang zu vielfältigen Medien haben, mehr Wissen über die Welt erwerben können und dadurch noch schneller reifen als früher. [Anmerkung der Redaktion: Neun Jahre entspricht dem Alter von Lamia und Saeed, den beiden Protagonist/-innen im Film. Wir empfehlen den Film erst ab 15 Jahren]
kinofenster.de: Was sollen Heranwachsende und was sollen die Erwachsenen aus dem Film mitnehmen?
Hasan Hadi: Wenn Sie das nächste Mal von Sanktionen hören, müssen Sie verstehen, dass es sich dabei nicht um ein harmloses diplomatisches Instrument handelt. Sanktionen sind wie Krebs. Ihr Schaden ist größer, tiefer, aber weniger sichtbar. Man sieht die Zerstörung nicht sofort physisch. Man sieht die Zerstörung in der menschlichen Natur, in der Seele und im Geist. Wenn Sie das nächste Mal von Bombenangriffen und Kriegen hören, denken Sie bitte daran, dass dahinter Menschen stehen, Kinder mit Namen, Träumen, Liebesgeschichten und Ambitionen. Menschen sind nicht nur mathematische Gleichungen oder Zahlen. Sie sind Individuen, und jeder von ihnen unterscheidet sich von den anderen.
kinofenster.de: Welchen Stellenwert hat die künstlerische Aufarbeitung des Krieges und der Diktatur im Irak?
Hasan Hadi: Kunst kann einen Beitrag zur Heilung leisten. Leider haben wir noch nicht genug Werke geschaffen oder produziert, die uns das ermöglichen. Eine der Leistungen dieses Films ist es, eine Diskussion anzuregen, einen guten Dialog zwischen verschiedenen Generationen zu schaffen, die die Diktatur nie erlebt haben, die manchmal sogar Nostalgie für Diktatoren und Diktaturen empfinden und die Fantasie haben, dass ein Land mit einem Diktator besser, stärker und dominanter ist.
kinofenster.de: Warum ist Filmbildung für Sie wichtig?
Hasan Hadi: Sie ist wichtig, weil sie einem verschiedene Kulturen, verschiedene Perspektiven und verschiedene Erfahrungen näherbringt. Außerdem ist sie die günstigste Art zu reisen.