Kategorie: Filmbesprechung
"Ein einfacher Unfall"
Yek tasadof-e sadeh
Regisseur Jafar Panahi untersucht in seinem Film das Verhältnis von staatlicher Gewalt und dem Wunsch nach Rache und kritisiert darüber das iranische Regime.
Unterrichtsfächer
Thema
Bildungsrelevant, weil Jafar Panahis Film nach Auswegen aus der Gewaltspirale in einer Diktatur fragt.
Die Geschichte: Ein Mann trifft auf seinen mutmaßlichen Folterer
Der Mann, der spät abends nach einem Autounfall Hilfe sucht, trägt eine Beinprothese. Er läuft steif, jeder Schritt ist von einem Quietschen begleitet. Es ist dieses Geräusch, das den Mechaniker Vahid erstarren lässt. Er kennt es aus dem Gefängnis, wo er einst mit verbundenen Augen von Eghbal, genannt "Holzbein", verhört und gefoltert wurde. Vahid ist sich sicher, dass es sich bei dem späten Kunden um seinen Peiniger handelt. Im Affekt folgt er ihm. Am nächsten Tag lauert Vahid dem Familienvater auf, überwältigt und entführt ihn in die Wüste, wo er ihn lebendig begraben will. Doch dann kommen ihm Zweifel: Ist der Mann, der um sein Leben bettelt, wirklich der Scherge? Zieht er womöglich einen Unschuldigen zur Rechenschaft? Er will Gewissheit und sucht deshalb ehemalige Mitgefangene auf, die ihm helfen sollen, "Holzbein" zu identifizieren.
Filmische Umsetzung: Ein Lieferwagen wird zum Gerichtssaal
Der iranische Regisseur Jafar Panahi war in seinem Heimatland selbst mehrmals inhaftiert und hat seit 2010 dort Berufsverbot. Dennoch realisiert er unentwegt Filme. Auch "Ein einfacher Unfall" drehte er ohne offizielle Genehmigung mit kleinem Team in Teheran und Umgebung. Was wie ein Rache-Zum Inhalt: Thriller beginnt, entwickelt sich schnell zu einem psychologischen Zum Inhalt: Drama: Wenn die Gruppe mit ihrem Gefangenen in einer Holzkiste durch die Stadt fährt, werden der Van zum Gerichtssaal und die ehemaligen Regime-Opfer zum Tribunal, das über das Schicksal des "Angeklagten" streitet. Eine klare, beobachtende Kamera prägt den Film, der sich beim Erzählen Zeit nimmt und in oft nahen Einstellungen (Glossar: Zum Inhalt: Einstellungsgrößen) die Emotionen der Figuren einfängt. Während der vermeintliche Täter allein im Bild gezeigt wird, löst sich der Film bei Vahid und den anderen zunehmend von der Zum Inhalt: Schuss-Gegenschuss-Montage und lässt sie bildlich zu einem Kollektiv zusammenwachsen. Im Kontrast zu den pointiert inszenierten Szenen stehen die dokumentarisch (Glossar: Zum Inhalt: Dokumentarfilm) anmutenden Bilder Teherans, die die Handlung in der iranischen Gegenwart verorten.
Das Thema: Recht und Gerechtigkeit in einer Diktatur
Eigene Erfahrungen, vor allem aber Gespräche mit Mitgefangenen haben Jafar Panahi zu "Ein einfacher Unfall "inspiriert. Im Film stehen die ehemaligen Inhaftierten für unterschiedliche Oppositionsgruppen. Noch Jahre später leiden die Protagonist/-innen an den psychischen und körperlichen Folgen der zugefügten Qualen, gehen aber jeweils anders mit dem Erlebten um und vertreten teils konträre Positionen: Hamid etwa will Rache und fordert Eghbals Tod. Die Fotografin Shiva hingegen wirft die Frage auf, wie man den Kreislauf der Gewalt durchbrechen kann. Hoch konzentriert führt Panahi seine Figuren in eine Situation, in der ihr Wunsch nach Vergeltung mit den eigenen Moralvorstellungen kollidiert. Über allem steht die Frage, wie man in einem unmenschlichen System seine Menschlichkeit bewahren kann.
Fragen für ein Filmgespräch
Bildet Arbeitsgruppen zu jeweils einer Figur: 1. der Mechaniker Vahid, 2. die Fotografin Shiva, 3. die Braut Golrokh, 4. der Bräutigam Ali und 5. der Arbeitslose Hamid. Wie stehen sie jeweils zum Thema Vergeltung? Diskutiert ihre Ansichten. Wie positioniert sich der Film zu dieser Problemstellung?
Im Film spielt Eghbals Tochter eine Schlüsselrolle. Inwiefern stellt sie die Werte ihres Vaters infrage? Denkt dabei an die Anfangsszene im Auto. Und warum entscheiden sich die Entführer, ihr in einer Notsituation zu helfen?
Erinnert euch an die Schlussszene des Films. Was passiert, was ist zu hören? Was könnte Regisseur Jafar Panahi hier zum Ausdruck bringen wollen?
Weiterführende Links
- External Link Film-Website des Verleihs
- External Link arte.tv: Ein Gespräch mit Jafar Panahi über den Film "Un simple accident" – Goldene Palme 2025 (Video)
- External Link Cineville: Regisseur Jafar Panahi über EIN EINFACHER UNFALL
- External Link zeit.de: "Sie spüren, dass ihre Macht ein Ende hat", Gespräch mit Jafar Panahi
- External Link Little White Lies: Jafar Panahi: "We shouldn’t look at cinema too idealistically" (engl.)
- External Link DW: Oscar-Anwärter Jafar Panahi im Iran erneut verurteilt
- External Link Vision Kino: FilmTipp
- External Link bpb.de: Dossier Iran
- External Link bpb.de: Zeitgenössische Kultur in Iran – zwischen Kreativität, Kommerzialisierung und Kontrolle