Kategorie: Interview
"Fiktion kann ein Schutzraum sein"
Regisseur Kilian Armando Friedrich und Hauptdarstellerin Sabine Thalau im Interview über ihren Spielfilm "Ich verstehe Ihren Unmut"
Kilian Armando Friedrich hat Regie an der HFF München studiert und mit "Atomnomaden" (DE 2023) bereits einen Zum Inhalt: Dokumentarfilm realisiert. Zum Filmarchiv: "Ich verstehe Ihren Unmut", sein erster Lang-Zum Inhalt: Spielfilm, feierte im Februar 2026 Premiere auf der Berlinale. Die Hauptdarstellerin Sabine Thalau arbeitet seit Jahrzehnten als Objektleiterin in der Reinigungsbranche. Es ist ihr erster Auftritt als Schauspielerin.
kinofenster.de: Herr Friedrich, die Arbeitsbedingungen im Dienstleistungsbereich standen in den letzten Jahren immer wieder im medialen Fokus. Warum haben Sie für Ihren Film die Gebäudereinigungsbranche gewählt?
Kilian Armando Friedrich: Nach meinem Abitur habe ich selbst in der Branche gearbeitet, um Geld für eine Reise zu verdienen. Als Minijobber habe ich einige Monate lang Schwimmbäder, Schokoladenfabriken und Büros gereinigt. Danach blieb ich mit der Objektleiterin in Kontakt. Später entschieden wir, die Erfahrungen, die sie über Jahrzehnte im Dienstleistungssektor gesammelt hat, aufzuschreiben. Dann nahm sie sich sehr unvermittelt das Leben. Sie hatte eine psychische Erkrankung entwickelt, das aber nicht in dem Maße mit mir geteilt. Die Gründe für die Erkrankung sind vielfältig. Für mich entstand die Frage, welche Rolle die Arbeitswelt gespielt hat. Und die fehlende Wertschätzung, von der sie so viel gesprochen hat.
kinofenster.de: Ihr Film zeigt diese Arbeitswelt durch die Augen der Objektleiterin Heike, die den Reinigungsbetrieb Tag für Tag koordinieren muss. Wie haben Sie die Hauptdarstellerin Sabine Thalau gefunden?
Kilian Armando Friedrich: Sie war in einem Gebäudereiniger-Forum in den sozialen Netzwerken sehr aktiv. Ihre Posts waren sehr beliebt. Im Endeffekt ging es darin immer um die Frage, wie eine gute Kollegialität in einer Umgebung wie der Reinigungsbranche aussehen kann. Nach einigen Recherchegesprächen habe ich Sabine Thalau dann gefragt, ob sie sich vorstellen kann, eine Rolle im Film zu spielen. Sechs Monate später war es dann die Hauptrolle.
kinofenster.de: Frau Thalau, was hat Sie überzeugt, mitzumachen?
Sabine Thalau: Natürlich hat mich die Geschichte im Hintergrund menschlich sehr berührt. Und ich fand ich es interessant, dass sich ein junger Mensch für Reinigung interessiert. Seit ich in der Branche arbeite, habe ich immer ganz viele Prozesse und Bedingungen hinterfragt. Deswegen fand ich es von Anfang an spannend, dass diese Sachen thematisiert werden. Auch, mit welchen Abwertungen Reinigungskräfte teilweise kämpfen müssen. Dass sie zum Beispiel von Kunden mit "Ey, du Putze" angesprochen werden oder sexuelle Belästigung erleben, wenn sie Toiletten reinigen. Sie werden nicht als Menschen wahrgenommen.
kinofenster.de: Herr Friedrich, Ihr vorheriger Film war ein Dokumentarfilm. Warum haben Sie sich diesmal dafür entschieden, einen Spielfilm mit Laiendarsteller/-innen zu drehen?
Kilian Armando Friedrich: Die Entscheidung hat unter anderem mit der speziellen Vorgeschichte zu tun. Wenn eine Geschichte sehr ernsthafte individuelle Situationen behandelt, kann die Fiktion ein Schutzraum sein. Und sie bietet Freiheiten. Schon in "Atomnomaden" habe ich sehr performativ mit den Darstellern und Darstellerinnen gearbeitet. Der wesentliche Unterschied ist, dass man bei einem Spielfilm ein Zum Inhalt: Drehbuch schreibt. Wenn dann Laien mitspielen, bringen die Menschen unheimlich viel mit: Nach 20 Jahren in der Reinigungsbranche hat ein Mensch zum Beispiel eine bestimmte Sprache und kennt gewisse Begriffe.
kinofenster.de: Frau Thalau, welche Erfahrungen von Ihnen sind in Ihre Darstellung eingeflossen? Haben Sie auf der Arbeit Ähnliches erlebt, wie Ihre Filmfigur Heike?
Sabine Thalau: Ich bin selbst sehr lebensbejahend und grundoptimistisch. Deswegen musste ich mir die Emotionen aus anderen Hintergründen in meinem Leben holen. Ich selbst würde mich von einem Arbeitgeber nie so drücken lassen. Ich setze mich eher für die Reinigungskräfte ein. Deswegen wechsele ich auch im Schnitt alle zweieinhalb Jahre den Job. Aber an sich liebe ich die Arbeit – nur nicht die Bedingungen, unter denen wir sie ausüben müssen. Und ich versuche auch immer, mit den Kunden ins Gespräch zu gehen und dafür zu sensibilisieren, dass es zulasten der Menschen geht, wenn sie Reinigung günstig einkaufen wollen.
kinofenster.de: Herr Friedrich, wie sind Sie an die Herausforderung herangegangen, die Geschichte möglichst realistisch und gleichzeitig spannend zu erzählen? Gab es für Sie Vorbilder?
Kilian Armando Friedrich: Ich bin stark durch das sozialrealistische Kino aus Belgien und England und den Zum Inhalt: Neorealismus aus Italien geprägt, die immer den Anspruch hatten, Realität darzustellen. Das Drehbuch habe ich zusammen mit Tünde Sautier und Daniel Kunz geschrieben. Meine Aufgabe war dabei vor allem die Recherche. Dafür habe ich mehrere Tagespraktika in Reinigungsbetrieben gemacht und viele Szenen miterlebt, die in den Film eingeflossen sind, zum Beispiel in die Kindergarten-Zum Inhalt: Szene. Und ich habe gesehen, was der Schnittstellen-Job Objektleitung bedeutet: hohe Verantwortung, aber wenig Handlungsmacht. Die Objektleitungen müssen widersprüchliche Interessen von Chefs, Subunternehmern, Kunden und Reinigungskräften befriedigen. Das hat von vornherein eine große Spannung.
kinofenster.de: Frau Thalau, gab es Momente, in denen Sie gedacht haben: So ist das in Wirklichkeit aber nicht – das ist ein Klischee? Haben Sie mal eingreifen müssen?
Sabine Thalau: Dazu haben wir uns schon im Vorfeld des Drehs sehr intensiv ausgetauscht. Meine größte Sorge war, dass die Auswahl der Darsteller dem Klischee entspricht, dass Reinigungskräfte dumm sind. Ich habe nämlich schon hochintelligente Reinigungskräfte gehabt, die ein Studium hatten oder eine Ausbildung, die hier in Deutschland nicht anerkannt wurden oder die aufgrund der Sprachbarrieren keine andere Jobmöglichkeit hatten. Dieses Klischee, man gehe nur reinigen, weil man zu nichts anderem zu gebrauchen ist, das ist einfach deplatziert. Eine Reinigungskraft muss zum Beispiel ganz viel wissen, auch über Chemie. Wenn sie ein falsches Mittel nimmt, kann sie Millionenschäden verursachen. Sie muss strukturiert arbeiten und schnell sein. Das kriegen nicht alle hin.
kinofenster.de: Wie hat sich Ihr Alltag durch die Filmerfahrung verändert?
Sabine Thalau: Eigentlich gar nicht, ich bin weiter gerne in meinem Job tätig. Natürlich freue ich mich darüber, dass der Film so angekommen ist und Diskussionen anregt. Und ich würde gerne noch einmal schauspielern. Das hat mir total Spaß gemacht.
kinofenster.de: Warum finden Sie Filmbildung wichtig?
Sabine Thalau: Politische und sozialkritische Filme können viel bewirken, wenn sie die richtigen Leute erreichen. Deswegen hoffe ich, dass unser Film wirklich noch von vielen Menschen gesehen wird, auch von vielen Kunden. Und Bildung ist generell der Schlüssel zu allem.
Kilian Armando Friedrich: Film kann ein Fenster zu einem Teil der Realität öffnen, der uns sonst verschlossen bleibt. Unser Film nutzt die Mittel von Dramatisierung (Glossar: Zum Inhalt: Dramaturgie), Narration, Zum Inhalt: Schauspiel und Ästhetik, um diese Erfahrung möglichst intensiv werden zu lassen und uns 90 Minuten die Begegnung mit einem Menschen zu ermöglichen, dem ich zuschauen darf, ohne dass er sich von meiner Beobachtung gestört fühlt.