Kategorie: Interview
"Redet miteinander!"
Im Interview zum Spielfilm "Nulpen" sprechen die Hauptdarstellerinnen Pola Geiger und Bella Lochmann über Sorgen und Verantwortung angesichts einer ungewissen Zukunft.
Bella Lochmann, geboren 2007, wuchs in Südtirol und Berlin auf, wo sie 2026 ihr Abitur gemacht hat. Mit der Rolle der Ramona in Zum Filmarchiv: "Nulpen" (Sorina Gajewski, DE 2025) ist sie erstmals in einem abendfüllenden Kinofilm zu sehen. Pola Geiger, Jahrgang 2004, verkörpert im Film Ramonas Freundin Nico. Die deutsch-polnische Schauspielerin steht seit ihrer Kindheit vor der Kamera und hat unter anderem in Zum Filmarchiv: "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" (Sonja Heiss, DE 2023) mitgespielt.
kinofenster.de: Ihr seid als Kinder nach Berlin gezogen und habt wie Nico und Ramona dort eure Jugend verbracht. Welche Möglichkeiten und Hindernisse seht ihr für die beiden Figuren an der Schwelle zum Erwachsenwerden in der Großstadt?
Pola Geiger: Wenn du in einer Stadt wie Berlin keinen Plan hast, was du genau machen willst, an einem Ort, wo du alles hast, jede Ausbildung, jedes Studium – das ist schon schwerer, als wenn du in einer kleineren Stadt wohnst, wo es nur eine Uni mit einer kleinen Auswahl an Studiengängen gibt.
Bella Lochmann: Man kann sich hier mehr ausprobieren, aber auch schnell verloren gehen. So erleben das viele Freunde von mir, die jetzt Abitur gemacht haben und gar nicht wissen, in welche Richtung sie gehen wollen.
kinofenster.de: Was für eine Stimmung fängt der Film eurer Meinung nach ein?
Bella Lochmann: Die Stimmung ist so ein bisschen wie an einem ganz heißen Sommertag in Berlin. Die Hitze drückt dir auf den Kopf, aber an sich geht's dir gut, weil du immerhin mit deiner Freundin zusammen bist. Die beiden sprechen ihre eigene Sprache miteinander. Vielleicht wirken sie von außen ein bisschen lost. Aber die Ideen, die sie haben, sind extrem kreativ.
Pola Geiger: Es ist auch einfach ein sehr Berlin-coded Film mit vielen schönen Bildern und auch weniger mit dem Gehetzt-Sein, das man hier oft spürt. Es sind deutlich ruhigere und entspanntere Bilder und Seiten von Berlin, die nicht nur den Stress, sondern den Sommer einfach mal ganz entspannt zeigen.
kinofenster.de: Ramona und Nico wirken als Figuren sehr authentisch. Wieviel von euch selbst steckt in den Figuren?
Pola Geiger: In den Dialogen ist es sehr viel. Wir haben beim Proben überarbeitet, was wir nicht akkurat jugendsprachlich fanden. Deswegen ist dann am Ende auch eine Menge an "Digga" in diesem Film drin. Und wir haben sehr viel improvisiert: Die Hälfte der Späti-Szene ist einfach nur unser privates Gelaber – und dann ist sie im Film gelandet. Danach haben wir angefangen, immer mehr von solchen Sachen aufzunehmen.
Bella Lochmann: Ramona ähnelt mir auf vielen Ebenen. Als Kind war ich auch ein bisschen auf Krawall gebürstet. Und auch die Klamotten, die sie anhat – die Armbänder und die Handschuhe waren von mir. Auch meine Schuhe haben vom Vibe her voll gut zur Rolle gepasst, die habe ich immer noch, die liebe ich.
kinofenster.de: Welche Resonanz bekommt ihr insbesondere von jungen Menschen?
Pola Geiger: Wir hatten eine Vorstellung auf einem Festival in Italien, in einer deutlich kleineren Stadt als Berlin. Die Kids haben dadurch einen ganz anderen Bezug zum Film aufgebaut als hier und alles Mögliche auf ihr Leben übertragen. Es ging um Fragen wie: "Bleibe ich in dieser Stadt oder ziehe ich jetzt irgendwohin, wo ich mit Studium und Arbeitsmarkt bessere Chancen habe?"
Bella Lochmann: Eine Gleichaltrige meinte zu mir, dass sie den Film so schön echt fand, weil man endlich mal das Gefühl hatte, dass Jugendliche – ohne, dass man sich über sie lustig macht – gezeigt werden, ganz ohne Filter, so, wie sie wirklich oft sind.
kinofenster.de: Welche Ängste und Sorgen der Figuren konntet ihr während der Dreharbeiten in euch selbst wiederfinden? Und wie schaut ihr heute, fast drei Jahre später, auf die Figuren und ihre Gefühlswelt zurück?
Bella Lochmann: Ramona ist im Film im gleichen Alter wie ich jetzt und hat, wie ich, gerade ihr Abi gemacht. Damals habe ich mich aber mehr wie die Rolle gefühlt als jetzt, ich war noch viel verlorener – neue Stadt, neue Schule, die neuen Einflüsse. Jetzt bin ich viel standfester und habe nicht unbedingt den Durchblick, aber bin total zielstrebig am Machen, für einen Traum, den ich habe.
Pola Geiger: Ich habe mit meinem Charakter immer relativ viel geteilt, zum Beispiel, dass Nico der Gegensatz zu Ramonas Planlosigkeit ist. Dass ich es mag, den Überblick zu haben, ist bis heute ein ähnlicher Aspekt meiner Persönlichkeit. Ich glaube aber, die größeren Ängste, die man damals schon hatte, zu Klima und der Gesellschaft, haben sich eher zugespitzt und man stellt sich die Frage, was denn jetzt endlich passieren soll.
kinofenster.de: Im Film geht es um die Klimakrise, aber auch die Verantwortung gegenüber der persönlichen Zukunft. Wie gehen die Figuren im Film mit dieser Verantwortung um?
Bella Lochmann: Vor diesem Anspruch, die Welt zu verändern, haben die Figuren sich gescheut. Bei der Demo wissen beide nicht einmal, um was es geht. Ich glaube, ein Grund für dieses Desinteresse ist auch, dass Jugendliche durch Social-Media abgelenkt werden. Das bringt viele davon ab, sich mit anderen Themen zu befassen, die auch in den Nachrichten behandelt werden, weil die lieber auf ihrer For-You-Page rumgammeln, obwohl wir als junge Generation eigentlich was besser machen wollen.
Pola Geiger: Aber ab dem Moment, wo der kleine Bruder von Ramona abhaut, da übernehmen sie die Verantwortung. Es ist ja eigentlich total krass, dass Ramona so nulpig wirkt, obwohl sie so viel Verantwortung für ihren kleinen Bruder und auch für den Haushalt übernehmen muss, viel mehr als Nico. Aber es gibt irgendwann ein Limit. Wie viel Verantwortung kannst du in deinem Leben tragen, bevor du bei Sachen wie dem Vogel ein bisschen loslässt?
kinofenster.de: Welche Botschaft können junge Menschen aus dem Film mitnehmen?
Bella Lochmann: Du bist nicht falsch, nur weil du nicht das machst, was alle anderen machen. Und du bist nicht verloren, nur weil du nicht so weit bist wie die anderen – es gibt so viel Zeit zum Aufholen. Der Film zeigt auch, wie wichtig es ist, im jungen Alter Bezugspersonen zu haben, mit denen man außerhalb der Familie Zeit verbringen kann, mit denen man lernt und wächst.
Pola Geiger: Redet miteinander! Isoliert eure Sorgen nicht, sondern tauscht euch miteinander aus, unterstützt euch gegenseitig, sprecht Leute an, wenn ihr merkt, dass es ihnen scheiße geht. Einfach mal zeigen, was man denkt, was man fühlt. Ein bisschen mehr miteinander offen und ehrlich reden. Sich auch gegenseitig politisch mal austauschen und sich informieren. Vielleicht mal irgendeiner Organisation beitreten, vielleicht mal zu einer Demo gehen.
kinofenster.de: Warum ist Filmbildung wichtig?
Bella Lochmann: Ich finde es total wichtig, sich Filme anzugucken. Einmal, weil ich glaube, dass das eine der coolsten Interessen ist, die eine Jugendliche haben kann. Gleichzeitig lernst du auch etwas über die Geschichte und spürst die Zeit – was damals abging und wie sich das entwickelt hat.
Pola Geiger: Vor allem heutzutage, wo man Zugang zu sehr vielen Filmen hat, ist es ein einfacher Weg, um alle möglichen Perspektiven wahrzunehmen. Du kannst dir Filme von Filmemachern aus einem anderen Teil der Welt angucken, die total viele verschiedene Perspektiven aufweisen, von denen du selbst gar keine Ahnung hast. Und das ist auch ein guter Weg, um sich über die Welt weiterzubilden.