Kategorie: Hintergrund
Die Gestaltung der Zukunftswelten in "Arco"
Zwischen Öko-Utopie und Klimakatastrophe: "Arco" vermittelt einem jungen Publikum gleich zwei Visionen zukünftigen Lebens auf der Erde.
Wie werden wir in Zukunft leben? Es ist diese Frage der Science-Fiction, die seit jeher die Massen ins Kino zieht. Der französische Zum Inhalt: Animationsfilm "Arco" präsentiert dazu gleich zwei Modelle, und richtet sich dabei mit einer leicht verständlichen Bildsprache an Kinder und Jugendliche. Dies erscheint naheliegend, sind sie es doch, die die Zukunft noch vor sich haben. Kindliche Sehnsüchte und Träume, aber auch Ängste scheinen in seinen Visionen auf. Im Film des 1987 geborenen Comicautors und Regisseurs Ugo Bienvenu verschmelzen Utopie und Dystopie, also optimistische und pessimistische Perspektiven auf das, was kommt.
Arcos Welt: Harmonie über dem Regenbogen
Die mit viel Sorgfalt gebauten Zukunftswelten sind verbunden mit den zwei Hauptfiguren. Durchweg fantastisch erscheint die offenbar sehr ferne Zukunft, in der der 10-jährige Arco mit seiner Familie lebt. Mit Gärten bewachsene Stelzenhäuser ragen hoch in den Himmel, vielerlei Maßnahmen zur Renaturierung erlauben ein autarkes Zusammenleben mit der Umwelt. Geschlafen wird in Schwebekammern, die den Körper sanft schwerelos halten. So in etwa stellt man sich eine künftige Besiedlung des Mars vor, und tatsächlich gleichen die Menschen in ihren schimmernden Ganzkörperanzügen einer Mischung aus Aliens und Astronaut/-innen. Mit noch farbenprächtigeren Regenbogencapes können sie sogar fliegen – und durch die Zeit reisen. Arco kennt keine andere Welt, doch er weiß von einer großen Katastrophe, die zu seinem so merkwürdigen wie glücklichen Leben geführt hat. Wie die frühere Welt aussah, erfährt er, als er sich über das elterliche Verbot – Zeitflüge sind erst ab 12 erlaubt – hinwegsetzt und mit einigem kosmischen Getöse in der Gegenwart von Iris landet.
Das Jahr 2075: Eine Konsumgesellschaft in der Klimakatastrophe
Das Jahr 2075 wirkt, auch für Kinder erkennbar, wie eine Verlängerung unserer Gegenwart. Dauernde Stürme erzählen von Extremwetterereignissen, großflächige Waldbrände von einer beginnenden Klimakatastrophe. Iris' Alltag in einer bunten Konsumgesellschaft ist von technischen Gadgets bestimmt, die auf den ersten Blick faszinieren, aber das Leben weniger erleichtern als einsam machen. Ihre arbeitenden Eltern sind nur als Hologramme anwesend, der Schulunterricht erfolgt durch Lehrroboter. Virtual-Reality-Brillen sind allgegenwärtig, in den Schulräumen lassen Augmented-Reality-Installationen vergangene Menschheitsepochen oder sogar die Ära der Dinosaurier wieder aufleben. Arco ist begeistert: Von "Dinos" hat der Junge immer geträumt.
Filmstill aus ARCO, Remembers | MountainA
Für die unglaublichen Möglichkeiten einer weiterentwickelten Technik steht auch "Nannybot" Mikki. Als liebevoller Haushaltsroboter trägt er Iris' kleinen Baby-Bruder umgeschnallt durch den halben Film und agiert überhaupt als vollwertiges Familienmitglied. Für Iris ist er zugleich Elternersatz und fürsorglicher Ratgeber. Als er Arco, den Jungen aus der Zukunft, in seinen digitalen Archiven nicht finden kann und die Polizei alarmiert, wird aber auch deutlich: Hinter den fantastischen Möglichkeiten der KI lauert wie schon heute die Gefahr totalitärer Überwachung.
Retrofuturistische Ästhetik mit japanischen und französischen Einflüssen
Auf der einfachsten Ebene zeigt Arco schlicht Kinderwelten, in denen Eltern Regeln vorgeben und das übrige Leben als Spiel begriffen wird. Doch gerade aus der Nähe zur vertrauten Realität erwächst das Unheimliche – ein häufiges Prinzip der Zum Inhalt: Science-Fiction: Die kleinen Abweichungen verunsichern uns mehr als pure Zum Inhalt: Fantasy. Insofern sind die japanischen Zum Inhalt: Anime-Vorbilder des Films nicht nur ästhetisch prägend: Auch in den weltweit populären Filmen von Miyazaki Hayao, etwa "Chihiros Reise ins Zauberland" ("Sen to Chihiro no Kamikakushi", JP 2001) oder Zum Filmarchiv: "Ponyo – Das große Abenteuer am Meer" ("Gake no Ue no Ponyo", JP 2008) werden die jungen Protagonist/-innen aus ihrem beschaulichen Alltagsleben gerissen. Ein Ungleichgewicht zwischen Menschen und Natur ist dafür häufig ursächlich und verursacht Gefahr, wie schon in den klassischen Fantasy-Epen Miyazakis ("Nausicaä aus dem Tal der Winde"/ "Kaze no Tani no Naushika", JP 1984). Auch Sprünge durch die Zeit und Welten sind ein beliebtes Motiv japanischer Animes, so beispielsweise in Hosoda Mamorus "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang" ("Toki o kakeru shōjo", JP 2006) und Shinkai Makotos Zum Filmarchiv: "Suzume" ("Suzume no Tojimari", JP 2022).
"Arco" strebt nicht nach der Komplexität solcher visuell wie erzählerisch überbordernder Filmkunstwerke, die sich zumeist an ältere Jugendliche wenden. Vorbildlich für den verspielten, träumerischen Ton des Films sind auch einige Werke französischer Comic-Kunst, die ihrerzeit bahnbrechend wirkten. Das von René Laloux und Comic-Ikone Jean "Moebius" Giraud gestaltete Weltraum-Abenteuer Herrscher der Zeit (Les maîtres du temps, FR 1982) wäre ein Beispiel. Vor allem "Arcos" retrofuturistisch gestaltete (und leider nur kurz gezeigte) Zukunftswelt mit ihren runden Formen und psychedelischen Farben (Glossar: Zum Inhalt: Farbgestaltung) lässt sich darauf zurückführen. Nicht nur der "Star-Wars"-Erfinder George Lucas nannte Moebius und das maßgebliche Sci-Fi-Magazin Heavy Metal (Métal hurlant, 1975-87, 2002-2006) immer wieder als Einflüsse; auch Miyazaki Hayao erklärte ihn zum Vorbild – für sich und die gesamte japanische Manga-Szene seit den 1980er-Jahren.
Von der Science-Fiction lernen – für eine bessere Zukunft
Auch Arco und Iris lernen voneinander und beginnen, ihre jeweilige Welt besser zu verstehen. Zwar weiß das Zeitreise-Kind um die ewige Science-Fiction-Regel, nach der niemand seine Zukunft kennen sollte. Doch zugleich verlangt das Zum Inhalt: Genre, diese zu brechen. Arco wieder in seine Zukunft zu transportieren, ist nur das vordergründige Ziel ihrer Freundschaft. Vielmehr geht es darum, die Welt zu verändern – und Auswege aus der Klimakatastrophe zu suchen. Unter Abwesenheit der Eltern liegt es an den ulkigen Drillingen Frankie, Dougie und Stewie den Kindern dabei zu helfen und sie auf ihrem Weg zu bestärken. In jungen Jahren hatten sie selbst eine Begegnung mit der Zukunft. Anfangs zwielichtige Gegenspieler mit seltsamem Gerät, gleichen sie immer mehr verkannten Wissenschaftlern, denen niemand glaubt – eine Andeutung auf die weitverbreitete Wissenschaftsskepsis in unserer Zeit.
Ein Schlussbild deutet an, dass ihre gemeinsamen Bemühungen nicht umsonst waren: Hat die erwachsene Iris, die schon als Kind so gut zeichnen konnte, als Architektin zur Realisierung von Arcos Zukunft beigetragen? In einer dystopischen Vision ermutigt "Arco" zum utopischen Denken: Die Zukunft mag bedrohlich erscheinen, doch gemeinsam können Kinder die Welt besser machen.