Kategorie: Interview
"Ginkgobäume sind lebende Fossilien"
Alexander Ruppel leitet die Botanischen Gärten in Marburg. Im Gespräch beantwortet er Fragen zum Dreh und zu den wissenschaftlichen Hintergründen des Films "Silent Friend".
Alexander Ruppel ist studierter Biologe M.Sc. und seit 2021 wissenschaftlicher und technischer Leiter der Botanischen Gärten in Marburg. Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi hat ihren Film Zum Filmarchiv: "Silent Friend "(DE/FR/HU 2025), in dessen Zentrum ein Ginkgobaum steht, im Alten Botanischen Garten Marburg angesiedelt.
kinofenster.de: "Silent Friend" spielt zu großen Teilen im Botanischen Garten der Uni Marburg. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Ildikó Enyedi?
Alexander Ruppel: Der Alte Botanische Garten liegt seit mehr als 200 Jahren zentral in Marburgs Mitte und war schon immer ein Ort der Erholung inmitten des trubeligen Stadtlebens. Als Zum Inhalt: Drehort wurde er gewählt, weil der Ehemann von Ildikó Enyedi vor 40 Jahren in Marburg studiert und den Botanischen Garten immer als besonderen Ort beschrieben hat.
kinofenster.de: Sie haben die Dreharbeiten begleitet. Was war ihre Aufgabe?
Alexander Ruppel: Als Botanischer Garten kennen wir uns natürlich gut mit Pflanzen aus und haben zudem ein großes Repertoire aus allen Erdteilen in unserer lebenden Sammlung. Wir haben vor allem das Filmteam dabei beraten, welche davon für bestimmte Zum Inhalt: Szenen besonders geeignet sind. Viele der im Film zu sehenden Pflanzen wurden aus den Gewächshäusern an die Drehorte gebracht. Zudem pflegt der Botanische Garten auch die Liegenschaften der Universität und war so indirekt an der Gestaltung der Szenenbilder im Stadtgebiet beteiligt.
kinofenster.de: Im Mittelpunkt von "Silent Friend" steht ein Ginkgobaum im Botanischen Garten. Können Sie uns etwas über diesen Baum erzählen?
Alexander Ruppel: Der im Film gezeigte Baum steht leider gar nicht in Marburg. Unser Baum ist erst rund 60 Jahre alt und vergleichsweise klein. Deshalb hat das Filmteam für einige Szenen in Marburg einen dickeren Baumstamm nachgebaut. Viele Teile von "Silent Friend" wurden jedoch in Ungarn gedreht und hier wurden insgesamt drei Bäume in Szene gesetzt. Denn die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von 100 Jahren und entsprechend musste sich der Baum im Film verändern.
kinofenster.de: Was ist aus wissenschaftlicher und botanischer Sicht das Besondere am Ginkgo?
Alexander Ruppel: Ginkgobäume sind lebende Fossilien und bevölkern schon seit fast 60 Millionen Jahre die Erde. In der Natur gelten sie heute als stark gefährdet. Eine Zeitlang gab es Ginkgos nur noch in kleinen Arealen Chinas. Sie haben seit jeher – wegen ihres Alters und Aussehens – eine besondere Wirkung auf uns Menschen gehabt, auch Goethe hat ihnen bereits vor 200 Jahren ein Gedicht gewidmet. Diese Faszination hat dazu geführt, dass der Baum heute weltweit in Gärten und Parks zu finden ist.
kinofenster.de: Die Forschenden in "Silent Friend" suchen unter anderem nach der "Sprache" der Pflanzen. Ist das ein reales Forschungsgebiet oder eher filmische Fantasie?
Alexander Ruppel: Im Film wird suggeriert, dass Pflanzen ein höheres Bewusstsein haben könnten. Man weiß, dass Pflanzen verschiedene Umweltreize wie Licht, Lärm oder Berührungen wahrnehmen und darauf reagieren können, jedoch kein höheres Bewusstsein wie Tiere haben. Bei Fraßschäden produzieren sie zum Beispiel mehr Bitterstoffe und ausströmende Stoffe der Blätter warnen umliegende Pflanzen, sodass diese ebenfalls diese Stoffe produzieren. Viele dieser Eigenschaften sind aber vielmehr zufällige Mutationen, die sich positiv auf das Überleben der Arten auswirken.
kinofenster.de: Wissenschaftliche Neugier, aber auch konkrete Methoden der Messung und die Vermittlung von Wissen spielen eine wichtige Rolle im Film. Wie sehr überzeugt Sie die Darstellung wissenschaftlicher Herangehensweisen?
Alexander Ruppel: Im Film wird die wissenschaftliche Neugier schön dargestellt, die uns Menschen antreibt und dabei für Außenstehende teils unverständliche Experimente durchführen lässt. Über die im Film gezeigten Experimente werden unter anderem Aktionspotenziale, das sind elektrische Signalweiterleitungen in Pflanzen, auf dem Graphen aufgezeichnet oder am Baum der Flüssigkeitstransport, der bei manchen Bäumen auch mit den Ohren hörbar ist, gemessen und visualisiert.
kinofenster.de: Bedeutet das, dass etwa die Experimente mit der Geranie tatsächlich so durchgeführt werden könnten?
Alexander Ruppel: Jein. Man kann messen, wie eine Pflanze auf gewisse Reize – wie Hitze, Trockenheit, Verschattung und anderen Stress – reagiert. Dass sie den Protagonisten im Raum wahrnimmt oder gar eine Tür öffnet, ist eher ausgeschlossen.
kinofenster.de: In einer prägnanten Szene wird Grete zu dem Kategoriensystem nach Linné befragt. Wie relevant ist Linné heute in den Naturwissenschaften noch? Gibt es eine pflanzliche "Sexualität", analog zum Menschen?
Alexander Ruppel: Die Arbeiten von Linné waren wegweisend und haben auch heute nichts an ihrer Relevanz verloren. Er hat vor etwa 250 Jahren durch die Entwicklung der binären Nomenklatur Ordnung in die Taxonomie von Tieren und Pflanzen gebracht, die bis heute weltweit verwendet wird. In seinem Sexualsystem der Pflanzen beschreibt er die Vielgestaltigkeit der Blüten und versucht anhand dieser Merkmale diese zu ordnen. Genau wie Menschen müssen sich auch Pflanzen aktiv fortpflanzen und haben hierfür die unterschiedlichsten Variationen entwickelt, sei es über Sporen bei Farnen, Samen- und Fruchtbildung bei höheren Pflanzen, bis hin zum Klonen durch die Bildung von Ablegern oder Knollen.
kinofenster.de: Welche Rolle spielt der Botanische Garten als Bildungs- und Lernort?
Alexander Ruppel: Botanische Gärten sind nach wie vor zentrale Orte der Forschung und außerschulischen Bildung. Neben jährlich rund 2.000 Studierenden der Fachbereiche Biologie, Pharmazie und Geografie spielt er auch im Rahmen der Umweltbildung eine große Rolle. Die in Marburg ansässige Grüne Schule und das Schülerlabor begeistern durch ihre vielfältigen Angebote mehr als 3.000 Menschen für die Naturwunder um uns herum.