Kategorie: Podcast
"Fast alle großen Studios haben ihre Diversity-Programme zurückgefahren"
Charlotte Lerg, Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, über die Auseinandersetzung des US-Kinos mit den Menschen- und Bürgerrechten
Seit jeher hat Hollywood in seinen Filmen das US-amerikanische Glücksversprechen propagiert, zunehmend aber auch die Diskrepanz zwischen den in der Verfassung verbrieften Rechten und der gesellschaftlichen Realität thematisiert. kinofenster.de hat mit Charlotte Lerg, Professorin am Amerika Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München, über die wechselhafte Geschichte dieser Auseinandersetzung gesprochen.
Foto: Prof. Dr. Charlotte Lerg, © D. Schwarzhaupt
Hier können Sie den Podcast nachlesen. Der Text weicht von der Hörfassung leicht ab:
kinofenster.de: Charlotte Lerg forscht als Professorin der Ludwig-Maximilians-Universität München zur nordamerikanischen Kulturgeschichte und ihrer Darstellung in Film und Medien. Mein Name ist Lena Schubert und ich habe anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung mit Charlotte Lerg darüber gesprochen, wie sich das US-Kino von den Anfängen bis in die Gegenwart mit Bürger- und Menschenrechten auseinandergesetzt hat. Zuerst wollte ich wissen, warum es kaum Darstellungen des Unabhängigkeitskrieges gibt.
Charlotte Lerg: Es gibt in der Tat sehr wenige klassische Historienfilme zum Thema der Revolution oder der Revolutionszeit; in den letzten Jahrzehnten gibt es eigentlich nur zwei große Filme, "The Patriot" von 2000 und "Revolution" von 1985. Serien gibt es ein paar mehr. Es gibt aber sehr viele Filme, in denen die sogenannten "Founding Fathers" als "Stock Characters" vorkommen, also von Zum Inhalt: Musicals bis irgendwelchen Zeitreisedramen. Für mich ist das ein Zeichen für die Omnipräsenz einer stereotypen Erinnerungskultur, also sozusagen Schablonen, die sich auch schwer durchbrechen lassen und mit denen man schwer seriöse Historienfilme machen kann.
kinofenster.de: Wie wurden die in der Unabhängigkeitserklärung proklamierten Rechte im klassischen Hollywood-Kino verhandelt?
Charlotte Lerg: Im klassischen Hollywood-Kino, also wenn wir das jetzt wirklich ganz klassisch auf die 30er- bis 50er-Jahre datieren, ist Freiheit und das Streben nach Glück Grundprämisse. Zum Beispiel für den klassischen Zum Inhalt: Western oder das klassische Western-Genre – Hollywoods Version des sogenannten Zum externen Inhalt: Frontier-Mythos und der Manifest-Destiny-Ideologie (öffnet im neuen Tab), also der Vorstellung, dass es Vorsehung sei, dass die weißen Amerikaner den Kontinent besiedeln. Es liegt also auch sehr nahe, wer hier nicht inkludiert ist: Der klassische Western war weiß und männlich und propagiert auch sehr rassistische Bilder von Indigenen. Wobei, und das muss man sagen, das macht auch die Unabhängigkeitserklärung. Gleichheit war im klassischen Hollywood-Kino eine Frage von Klasse, vielleicht noch eine Frage von Ethnie, vor allem der weißen europäischen Einwanderung. Aber sowohl Schwarze als auch Indigene bleiben außen vor.
kinofenster.de: In den 1960er-Jahren dann wurde die Bürgerrechtsbewegung zu einer starken progressiven Kraft innerhalb der US-Gesellschaft. Wie entwickelte sich der US-Film danach? Wurden marginalisierte Gruppen auf der Leinwand und hinter der Kamera präsenter?
Charlotte Lerg: Genau wie in der US-Gesellschaft allgemein brachte die Bürgerrechtsbewegung natürlich nicht den großen plötzlichen Umschwung und Jahrhunderte von Rassismus und Repressionen lassen sich nicht einfach aufheben. Wie auch anderswo in Kultur und Gesellschaft ist Rassismus und auch Sexismus in Hollywood systemisch. Was wir allerdings seither sehen, ist zum einen, dass das Ganze überhaupt zum Thema geworden ist. Aber es muss auch klar sein, dass Sichtbarkeit alleine nicht ausreicht, sondern auch, dass "wie" eine Rolle spielt. Also denken wir etwa an langlebige Phänomene wie der "Schwarze Zum Inhalt: Sidekick" oder das sogenannte "White Savior Narrative", in denen dann am Ende doch immer wieder ein/-e weiße/-r Held/-in die Person ist, die im Mittelpunkt steht oder die am Ende die Story rettet. 2001 ging zum ersten Mal ein Oscar® für eine Hauptrolle an eine schwarze Schauspielerin; das war Halle Berry damals [Anm. der Redaktion: 1964 wurde Sidney Poitier als erster afroamerikanischer Schauspieler mit dem Oscar® für die beste männliche Hauptrolle ausgezeichnet]. Und der Regisseur Spike Lee, der seit den 1980er-Jahren wirklich auch kritische und vielgelobte Filme macht, bekommt erst 2018 seinen ersten Oscar®. Also vor der Kamera geht es ein bisschen schneller als hinter der Kamera. Und bei anderen gesellschaftlichen Gruppen sieht es oft noch schwieriger aus. Es sind oft stereotype, marginalisierte Rollen, beispielsweise für die LGBTQI-Community oder auch Menschen mit Behinderung, wo lange auch bis heute noch oft Rollen, die Menschen mit Behinderung darstellen, letztlich an Menschen ohne Behinderung gehen.
kinofenster.de: Seit mehr als 10 Jahren analysieren Forschende mit dem Zum externen Inhalt: Hollywood Diversity Report (öffnet im neuen Tab), wie divers US-Kino und -Serien sind. In welche Richtung geht die Entwicklung?
Charlotte Lerg: Da lassen sich in den ersten zehn Jahren durchaus auch positive Entwicklungen erkennen. Allerdings: Gerade in den letzten zwei Jahren zeigt der Report auch, dass sich die Trump-Präsidentschaft auswirkt. Fast alle großen Studios und auch Streaming-Services haben ihre Diversity-Programme und entsprechende Zielvorgaben zurückgefahren.
kinofenster.de: Wie geht die US-Filmwelt mit den autoritären Tendenzen unter Präsident Donald Trump um?
Charlotte Lerg: Am 1. Oktober 2025 haben Filmschaffende eine Organisation aus den 1950er-Jahren wiederbelebt, das sogenannte Committee for the First Amendment. Das ist ein Rückgriff auf die McCarthy-Ära von 1947, als während des frühen Kalten Kriegs der fanatische Antikommunismus die Freiheiten, die dieser erste Verfassungsartikel garantiert, unterhöhlte und unter anderem auch viele Hollywoodstars ins Visier gerieten. Auch jetzt besteht eben diese Gefahr wieder und es gilt sich zu wehren mit Videos, mit Kundgebungen, mit Spendensammlungen und auch mit Protesten. Und auf ihrer Website greift das Committee for the First Amendment auch ganz explizit zurück auf die Unabhängigkeitserklärung und eben auf die "Bill of Rights", auf "Free Speech", "Free Expression“ als "Unalienable Right".
kinofenster.de: Warum finden Sie Filmbildung aus Ihrer Perspektive als Historikerin wichtig?
Charlotte Lerg: Filme reflektieren nicht nur, sondern formen auch Kultur und Mentalität des historischen Moments, in dem sie entstehen. Sie in ihrer Komplexität an der Schnittstelle von Politik und Kommerz, von Kultur und Unterhaltung zu verstehen, ist deshalb unabdingbar.
kinofenster.de: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Lerg.