Kategorie: Sequenzanalyse
Gleiche Rechte für alle?
Vier Kurzanalysen zu Filmsequenzen über die Werte der US-Verfassung und das Ringen um Bürgerrechte
Das Selbstverständnis als Nation ist in den USA, stärker als in anderen Ländern, mit Filmen verbunden. Hollywood trug den "american dream" in alle Welt, prägte aber vor allem im Inneren den Mythos USA. Doch dies ist kein statisches Bild. Um die Verfassungswerte von 1776 wird in erstaunlich vielen Filmen gerungen, vom klassischen Hollywood, seinen Justizdramen und dem Zum Inhalt: Western, bis heute. Die blinden Flecken der Verfassung – beispielsweise die fehlende Absicherung sozialer Standards – finden sich ebenso im US-Kino wieder. Gleiches Recht für alle? Die vorliegende Auswahl prägnanter Zum Inhalt: Sequenzen konfrontiert das politische Ideal mit dem auch in Filmen ausgetragenen Kampf nicht-privilegierter, marginalisierter und diskriminierter Gruppen um ihre Rechte.
Stolzer Patriotismus im Herzen der Demokratie
Zum Filmarchiv: "Mr. Smith geht nach Washington" ("Mr. Smith geht nach Washington", Frank Capra, USA 1939) – (3:24 Min.)
Frank Capras Filmklassiker führt direkt ins Herz der US-Demokratie: Als Nachrücker wird der idealistische Provinzpolitiker Jefferson Smith in den Washingtoner Kongress beordert. Die an Sergei Eisenstein geschulte Zum Inhalt: Montage seines Besuchs im Denkmalkomplex "National Mall" ist ein Meisterstück politischer Propaganda. Als einfacher Bürger unter vielen nimmt Smith den Bus, staunt über das Weiße Haus, das Kapitolsgebäude und die nicht weniger imposanten Statuen der Gründerväter. Thomas Jefferson hält Federkiel und Verfassung in der Hand, auf einer weiteren Tafel des Verfassungstexts werden die Worte "Life", "Liberty" und "Pursuit of happiness" hervorgehoben. In komplexen Zum Inhalt: Überblendungen weht die US-Flagge durchs Bild; mit suggestiven Tempowechseln reagiert die wuchtig intonierte Nationalhymne auf das Gezeigte. Vorbei am Obelisken des Washington Memorial geht es nun zum Lincoln Memorial, mit der überlebensgroßen Statue des Präsidenten. Ein kleiner Junge liest laut Lincolns Rede von Gettysburg über eine Regierung "of the people, by the people, for the people". Sein Begleiter, mutmaßlich der Großvater, nickt zufrieden – die Worte über das Ende des Bürgerkriegs stiften ein Band zwischen den Generationen. Ein alter Schwarzer Mann schaut ergriffen auf den Präsidenten, der die Sklaverei beendete. Der überschwängliche Patriotismus der Sequenz mutet heute, da etwa Jefferson als Sklavenhalter bekannt ist, naiv an. Doch der Widerspruch zwischen Verfassung und Verfassungswirklichkeit ist auch das Thema des Films: Im weiteren Verlauf wird Smiths hehrer Idealismus bitter enttäuscht.
Harvey Milks Rede an die LGBTQI-Community
Zum Filmarchiv: "Milk" (Gus Van Sant, USA 2008) – (2:54 Min.)
Gewaltige Protestmärsche und große Reden, etwa Martin Luther Kings "I have a dream"-Rede im Jahr 1963, sind aus der US-amerikanischen Geschichte nicht wegzudenken. Gus Van Sants Zum Inhalt: Biopic "Milk" (USA 2008) bedient sich der einschlägigen Ikonografie von Anti-Vietnam-Protest und Bürgerrechtsbewegung, um ein weiteres Thema ins Blickfeld zu rücken: Sein Held, der Zum externen Inhalt: LGBTQI (öffnet im neuen Tab)-Aktivist Harvey Milk, war der erste offen schwule Politiker der USA. Im Jahr 1977 sensationell in den Stadtrat der queeren Hochburg San Francisco gewählt, widersetzte er sich einem vom konservativen Senator John Briggs vorgebrachten Berufsverbot für homosexuelle Lehrer/-innen. Die mit einer Originalaufnahme startende Sequenz zeigt Milks berühmte "Hope Speech" im Sommer 1978 anlässlich einer Gay-Pride-Parade. Trotz Todesdrohungen erklimmt Milk die Bühne vor dem Rathaus von San Francisco und wendet sich sogleich an die Community: "Brothers and sisters!" Dynamisch geschnittene Perspektivwechsel zeigen den synergetischen Zusammenhalt zwischen Redner und euphorisierter Menge. Als letztes Argument gegen Hass und Lügen zitiert Milk die Verfassung: "All men are created equal!" Der Kampf gegen die Briggs-Petition war erfolgreich, doch kurz darauf wurde Harvey Milk erschossen – wie zehn Jahre zuvor Martin Luther King.
Black-Panther-Programm statt Verfassung
Zum Filmarchiv: "The Hate U Give" (George Tillman Jr., USA 2018) – (0:00 – 2:28 Min.)
Bereits der 2017 erschiene Jugendroman von Angie Thomas verstand sich als Antwort auf die Black-Lives-Matter-Bewegung. In ihr entlud sich die Wut über zahlreiche Fälle von Polizeigewalt, der in den 2010er-Jahren auch Teenager wie Zum externen Inhalt: Trayvon Martin (öffnet im neuen Tab) zum Opfer fielen. Die Eingangsszene der Zum Filmarchiv: "Filmadaption" erinnert an das Setting (Glossar: Zum Inhalt: Drehort/Set) einer klassischen US-Zum externen Inhalt: Sitcom (öffnet im neuen Tab), doch das Thema ist nicht lustig: Vater Maverick lehrt seine verängstigten Kinder, darunter die Hauptfigur Starr im Alter von 9 Jahren, das Verhalten bei einer Polizeikontrolle: "Hände aufs Armaturenbrett!" Sein Vortrag macht klar, dass für Schwarze Menschen in den USA andere Regeln gelten. Untersichten auf den ernsten Vater (Glossar: Zum Inhalt: Kameraperspektiven), suggestive Kamerafahrten (Glossar: Zum Inhalt: Kamerabewegungen) und eine düstere Zum Inhalt: Filmmusik verstärken das Gefühl einer ständigen Bedrohung. Statt der Verfassung, deren Prinzip "All men are created equal" in ihrem Leben keine Rolle spielt, holt er schließlich das Zehn-Punkte-Programm der antirassistischen Black Panther Party hervor – eine Anleitung zum Widerstand, zum Schwarzen Stolz, ihre alternative Bill of Rights. Starr glaubt zu Beginn ihrer danach einsetzenden Zum Inhalt: Voiceover, in der sie als Teenager zu uns spricht, andere Probleme zu haben. Doch die düsteren Worte ihres Vaters erfüllen sich auf tragische Weise, als ihr Freund Khalil bei einer Polizeikontrolle stirbt.
Das Einwanderungsland USA im Musical
Zum Filmarchiv: "West Side Story" (Steven Spielberg, USA 2021) – (5:28 Min.)
"Life is all right in America / When you're all-white in America!" – Steven Spielbergs Neuverfilmung eines Musical-Klassikers von 1957 hatte keinen Anlass, den Text zu ändern. In der zentralen Songchoreografie America preisen die aus Puerto Rico nach New York eingewanderte Anita und ihre Freundinnen das Leben in der neuen Heimat; doch der Luxus von Waschmaschinen, Cadillacs und schicken Apartments steht nur Weißen offen, kontern ihre männlichen Partner. Spielbergs wesentliche Neuerung gegenüber der Erstverfilmung Zum Filmarchiv: "West Side Story" (Robert Wise, 1961) besteht darin, die hitzige Diskussion auf die Straße zu verlegen. Mit perkussiven Latino-Rhythmen – und in der typischen Farbenpracht (Glossar: Zum Inhalt: Farbgestaltung) des Zum Inhalt: Genres – zieht die Tanztruppe aus den Hinterhöfen hinaus und schwillt zur beeindruckenden Masse. Mit einer wütenden Demonstration gegen die Baupolitik der Stadtverwaltung betont Spielberg einen 1961 nur angedeuteten Aspekt: Der Abriss billiger Einwandererwohnungen war der Hintergrund des Bühnenmusicals. Dass in "West Side Story" mehr steckt als eine Variante von Romeo und Julia, zeigt vor allem der Text zu America: Der hier zwischen Frauen und Männern ausgetragene Streit um Verfassungsprinzipien wie Leben, Freiheit und das Streben nach Glück ist das eigentliche Thema. Leider haben die letzten Jahrzehnte wenig daran geändert, dass diese Werte nicht allen offenstehen. Soziale Ungerechtigkeit, Rassismus und die Marginalisierung von Minderheiten zwingen weiter zu einem Kampf um grundlegende Rechte, der mit der Verfassungserklärung von 1776 erst begonnen hat.