Kategorie: Filmbesprechung
"Souleymans Geschichte"
L’Histoire de Souleymane
Sozialdrama als atemloser Thriller: Ein junger Mann aus Guinea arbeitet als Fahrradkurier, um Dokumente für sein Asylverfahren bezahlen zu können.
Unterrichtsfächer
Thema
Bildungsrelevant, weil der Film realitätsnah migrantische Selbstausbeutungsökonomien beleuchtet und geflüchteten Menschen eine Stimme gibt.
Die Geschichte: Ein Kurierfahrer kämpft um sein Arbeits- und Bleiberecht
Souleymane rast auf seinem Fahrrad durch die vollgestopften Straßen von Paris – um ihn herum hupende Autos und Busse, nasser Asphalt. Als Kurierfahrer liefert er Essen aus. Unfreundliche Restaurantbesitzer und selbstbezogene Kund/-innen gehören ebenso zu seinem Alltag wie die ständige Sorge, nachts keinen Schlafplatz in der Notunterkunft zu bekommen. Im Ringen um ein besseres Leben für sich und seine kranke Mutter ist er aus Guinea nach Frankreich geflohen. Zwischen Hausfluren und Wohnungstüren bereitet er sich auf sein anstehendes Asylgespräch vor. Die Angst, dass seinem Asylgesuch nicht stattgegeben wird, ist groß. Als Gig-Worker versucht er Geld zusammenzukratzen für Dokumente, die er nicht besitzt. Ein Wettrennen gegen die Zeit, im Kampf gegen Ausbeutung und Unmenschlichkeit.
Filmische Umsetzung: Sozialdrama in Form eines packenden Thrillers
Es ist, als stehe alles für einen Moment still. Souleymane wartet auf sein Asylgespräch. Doch noch bevor er aufgerufen wird, springt der Film zurück in die atemlosen 48 Stunden zuvor: Hautnah und quasidokumentarisch (Glossar: Zum Inhalt: Dokumentarfilm) erzählt Boris Lojkine in seinem dritten Zum Inhalt: Spielfilm die Geschichte eines Geflüchteten, der ohne Papiere und Arbeitserlaubnis in Paris lebt. Die Kamera folgt Souleymane auf Schritt und Tritt, mal von hinten, mal von vorn. Die dynamischen Bilder überträgen seine Rastlosigkeit. Dunkle und kalte Farben (Glossar: Zum Inhalt: Farbgestaltung) prägen die feindselige Großstadtumgebung. Künstliches Licht (Glossar: Zum Inhalt: Licht und Lichtgestaltung) von Autoscheinwerfern und Metrostationen transportieren Anspannung und Unsicherheit. Gedreht wurde an Originalschauplätze (Glossar: Zum Inhalt: Drehort/Set) und mit Laiendarsteller/-innen. Auch Abou Sangaré, der für seine Rolle des Souleymane bei den Filmfestspielen von Cannes 2024 ausgezeichnet wurde, hat das erste Mal vor der Kamera gestanden. Seine Lebensgeschichte ähnelt der fiktiven Biografie von Souleymane. Im Film puzzelt sich diese über Telefonate mit dessen Mutter oder Freundin Stück für Stück zusammen. Am Ende kehrt der Film an seinen Anfang zurück. Der Ausgang des Asylverfahrens bleibt dabei bewusst offen. Die Bewertung überlässt der Film dem Publikum.
Das Thema: Machtstrukturen in Asylverfahren und der Gig Economy
Anhand der Geschichte des Kurierfahrers Souleymane kritisiert der Film Missstände in der europäischen Asylpolitik und zeigt Verfahrensstrukturen auf, die westlichen Bewertungslogiken folgen. Zugleich werden Ausbeutung migrantischer Arbeitskräfte und Formen illegalisierter Arbeit beleuchtet. Der schonungslos authentische Einblick in das Arbeitsumfeld macht dabei die höchst prekären Arbeitsbedingungen in der Branche greifbar, die durch Niedriglöhne und fehlende soziale Sicherheit Ungleichheiten verschärfen. Der von Plattformökonomie und Migrationspolitik ausgehenden Unterdrückung steht im Film die Solidarität unter den Geflüchteten und Arbeitssuchenden gegenüber.
Fragen für ein Filmgespräch
Wie fühlt sich der ständige Zeitdruck im Film an? Und wie wird er filmisch übermittelt? Wie erlebt Souleymane den Stress?
Mit welchen Problemen hat Souleymane im Alltag zu kämpfen? Welche davon kann er beeinflussen und welche nicht? Wer oder was ist jeweils dafür verantwortlich?
Wie denkst du, geht es für Souleymane weiter? Glaubst du, er wird eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen? Begründe deine Antwort.
Weiterführende Links
- External Link Filminformationen des Verleihs
- External Link indiekino.de: Interview mit Regisseur Boris Lojkine
- External Link bpb.de: Glossar: Zukunft der Arbeit
- External Link bpb.de: Frankreich und die Einwanderung
- External Link bpb.de: Liefern per App – Radkurier António will Mitbestimmung (Podcast)
- External Link fluter.de: Nicht eure Affen