Die Uraufführung von Bertolt Brechts und Kurt Weills "Dreigroschenoper" am Berliner Ensemble steht im Spätsommer 1928 kurz bevor. Doch einige Schauspieler/-innen sind unzufrieden mit ihren Rollen, dem Text und Brechts Regie-Konzept. Der junge Theatermacher lässt sich davon nicht beirren und zeigt sich kompromisslos. Der Erfolg gibt ihm Recht: Das Stück wird zu einem Kassenschlager. Wenig später hofft der Produzent Seymour Nebenzahl darauf, mit einer
Filmadaption ebenso abzuräumen. Bertolt Brecht soll sich um das
Drehbuch kümmern. Doch dessen unkonventionelle Vorschläge treiben Nebenzahl zur Verzweiflung – ihm schwebt nämlich ein seichter Revue-Film vor. Obwohl Brecht seinen "Dreigroschenfilm" bereits vor Augen hat, droht das Filmprojekt zu scheitern.
Der langjährige künstlerische Leiter der Augsburger Brecht-Festspiele Joachim A. Lang nimmt das
Exposé für den seinerzeit nicht realisierten "Dreigroschenfilm" (1930) als Ausgangspunkt für sein Kinodebüt.
Mackie Messer besitzt somit zwei Erzählebenen, die biografische Rahmenhandlung und den Film-im-Film: Den Kampf des Autors gegen die Filmindustrie
montiert Lang mit der Filmhandlung über den Gangsterboss Macheath und seine Geliebte Polly Peachum. Analog zur Dramaturgie wechseln auch
Schauplätze und
Szenenbild: Während der "Dreigroschenfilm" im viktorianischen London spielt, agiert Brecht in der letzten Phase der Weimarer Republik. Die beiden Ebenen werden durch
Songs der "Dreigroschenoper" fließend miteinander verwoben. Wie beim epischen Theater wird mehrfach die "vierte Wand" aufgehoben, etwa wenn Brecht (Lars Eidinger) mit
Blick in die Kamera die Zuschauer/-innen adressiert. Am Ende der Neuverfilmung gründen Polly Pechum und Mackie Messer eine Bank mit dem Geld, das sie aus Zuhälterei und Raub erwirtschaftet haben. Die Kapitalismuskritik, die im "Dreigroschen"-Stoff angelegt ist, wird so deutlicher hervorgehoben. Außen vor bleibt in der Rahmenhandlung hingegen die nur ein Jahr später – gegen den Willen des Autors – entstandene Adaption von G.W. Pabst (
Die Dreigroschenoper, 1931).
Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm, Trailer (© Wild Bunch Germany)
Die Analyse der anspruchsvollen Partitur von Kurt Weill, die Jazz, Tango und Blues miteinander verbindet sowie Opern- und Operettenelemente karikiert, ist ein Anknüpfungspunkt im Musikunterricht. Im Deutschunterricht bietet sich eine Auseinandersetzung mit dem Aspekt der Literaturadaption an. Dabei können auch Fragen des Urheberrechts thematisiert werden. Ebenso sollte Brechts ästhetischer Ansatz erörtert werden: Dem Dramatiker schwebte vor, in der Kunst politische Mechanismen zu verdichten und auf der Bühne und im Film darzustellen. Jedoch überschneiden sich Autorenintention und Wirkung eines Werkes nicht immer hundertprozentig, was anhand der Rezeptionsgeschichte des Stücks deutlich wird. Sehr pointiert erscheinen die Äußerungen der Filmfigur Bertolt Brecht, die allesamt auf Zitaten aus dem Gesamtwerk des Autors beruhen. In diesem Zusammenhang kann die experimentelle Form des Films thematisiert werden, die Elemente der
Genres Musical,
Biopic und Literaturverfilmung beinhaltet.
Autor/in: Ronald Ehlert-Klein, 13.09.2018
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