Güner Balci ist Journalistin, Autorin und Dokumentarfilmerin. Seit 2020 ist sie Integrationsbeauftragte des Berliner Bezirks Neukölln. Jesco Denzel ist Fotograf, Kameramann und Dokumentarfilmer.
Für ihren Kinofilm Zum Filmarchiv: "Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf" (DE 2026) begleitete das Regieduo den Holocaust-Überlebenden über mehr als vier Jahre.

kinofenster.de: Wie ist der Kontakt zu Albrecht Weinberg entstanden?
Jesco Denzel: Ich porträtiere seit Längerem als Fotograf Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bei Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Anlässlich des 75. Jahrestags war ich gemeinsam mit Überlebenden zum Abendessen unweit der Gedenkstätte eingeladen. Mir saßen Albrecht Weinberg und Gerda Dänekas gegenüber. Das war unsere erste Begegnung, und Albrecht fragte mich direkt, was ich mache und wo ich herkomme. Ich stamme wie er aus Norddeutschland, und damit war das Eis sofort gebrochen. Später habe ich festgestellt, dass Albrecht eine unglaubliche Begabung dafür hatte, auf Menschen zuzugehen. Man sieht das im Film sehr schön bei den Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern.
Güner Balci: Jesco und ich arbeiten seit mehreren Jahren an dokumentarischen Projekten. Er schlug sofort vor, einen Film über die beiden zu machen. Ich war von der Idee gleich angetan. Einen Holocaust-Überlebenden zu porträtieren, fand ich thematisch sehr wichtig. Albrechts Charme und Witz haben mich direkt gefesselt. Jesco begleitete Albrecht dann als Fotograf auf einer Reise nach Israel, die er gemeinsam mit einer Schulklasse unternahm. Daraus entstand eine Reportage und später ein Buch. Ich setzte alles in Bewegung, um das ZDF davon zu überzeugen, eine Dokumentation zu drehen.

kinofenster.de: Mit der 37°-Dokumentation "Die Nummer auf meinem Arm" wurde Albrecht Weinbergs Geschichte zunächst fürs Fernsehen erzählt. Entwickelte sich daraus die Idee zum Kinofilm?
Balci: Die Idee gab es von Anfang an. Uns beiden ist es wichtig, die Geschichten der Holocaust-Überlebenden zu erzählen. Das darf nicht in Vergessenheit geraten. Jesco hat unermüdlich gedreht. So sind fast 100 Stunden Rohmaterial entstanden. Wir haben Albrecht mehr als vier Jahre lang begleitet.

kinofenster.de: Wie verliefen die Drehplanungen und dramaturgischen Vorüberlegungen?
Denzel: Wir wollten dem Publikum den Menschen Albrecht Weinberg nahebringen. Das funktioniert nur, wenn beim Dreh die filmischen Rahmenbedingungen in den Hintergrund rücken. Deswegen haben wir auch nur zu zweit gearbeitet und bei den Aufnahmen versucht, uns so weit wie möglich zurückzunehmen. Als Kameramann verzichte ich hier auch komplett auf Kunstgriffe. Es geht mir um die Geschichten von Menschen, nicht um Stilmittel.
Balci: Wir hätten gar nicht viel im Voraus planen können. Im übertragenen Sinn hat Albrecht die Regie übernommen. Er hat uns an seinem Alltag teilhaben lassen. Das ist ein großes Geschenk.

kinofenster.de: Wie hat sich dieses Verhältnis entwickelt?
Balci: Wichtig dafür sind Vertrauen und Neugier. Normalerweise ist das die Haltung von Dokumentarfilmemacher/-innen, aber hier war es wechselseitig.
Denzel: Das zeichnete Albrechts Persönlichkeit aus: auf Menschen zuzugehen und eine Verbindung zuzulassen. Am einfachsten fiel ihm das bei Kindern und Jugendlichen. Er sagte immer, dass diese Generation eine ganz andere sei als die Menschen im gleichen Alter, die ihn in den 1930er-Jahren bespuckt und geschlagen hatten. Diese jungen Menschen, die Interesse an ihm hatten, haben sein Herz geöffnet. Er hat viel Liebe und Lebensfreude mit ihnen geteilt.

kinofenster.de: Das spiegeln auch die Zum Inhalt: Filmsequenzen wider, die in Schulen gedreht wurden. Wie funktionierten diese Begegnungen?
Balci: Die Kinder und Jugendlichen erlebten Albrecht als nahbaren Menschen. Sie wollten seine Geschichte kennenlernen. Das funktionierte übrigens schon mit Grundschulkindern. Grundsätzlich sollten wir Kindern und Jugendlichen viel mehr zutrauen. Wir können viel davon lernen, wie offen sie Menschen begegnen. Und diese Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind etwas unheimlich Wertvolles. Das Historische erscheint vielen Menschen weit weg. Aber Zeitzeuginnen und Zeitzeugen stoßen ein Fenster auf, und plötzlich erhalten Zehn- oder 18-Jährige einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte.

kinofenster.de: Was glauben Sie, welche persönlichen Hoffnungen Albrecht Weinberg mit dem Filmprojekt verband?
Denzel: Sein größtes Anliegen war es, bei jungen Menschen etwas zu bewirken, sodass sich der Antisemitismus und die Verfolgung, die er erlebt hatte, nicht wiederholen. Er hat sehr aktiv die Tagespolitik verfolgt, und der Aufstieg des Rechtspopulismus hat ihn enorm beunruhigt. Ebenso wichtig war ihm, dass der Menschen gedacht wird, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

kinofenster.de: Wie hat er auf den wachsenden Antisemitismus in Deutschland reagiert?
Balci: Seine Sorge galt bis zum Schluss der Zukunft der jüdischen Menschen in Deutschland. Vor dem Hintergrund des wachsenden Antisemitismus konnte sie ihm nicht genommen werden. Seine Hoffnung war aber tatsächlich, mit diesem Film einen kleinen Teil dazu beizutragen, dass die Shoah nicht vergessen wird.
Denzel: Gerda und er waren die Ersten, die die fertige Schnittfassung des Films gesehen haben. Nach dem Abspann saßen wir schweigend da. Er hakte nach, ob das die Fassung sei, die das Publikum zu sehen bekommt, was wir bejahten. Dann fragte er, wie danach noch immer Menschen rechtsradikalem oder antisemitischem Gedankengut anhängen könnten.

kinofenster.de: Das gewinnt vor dem Hintergrund des 7. Oktober noch einmal eine andere Bedeutung. Warum ist diese Sequenz so kurz?
Balci: Der 7. Oktober und seine Folgen haben eine riesige Dimension, es bräuchte einen eigenen Film, um dem gerecht zu werden. In unserem Film geht es um Albrechts Leben und seine Empfindungen unmittelbar nach dem Terrorangriff der Hamas auf israelische Zivilistinnen und Zivilisten. Der 7. Oktober war für ihn sehr emotional. Wir zeigen, was dieses Ereignis bei einem Holocaust-Überlebenden auslöst.

kinofenster.de: Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Film?
Denzel: Natürlich haben wir diesen Film mit dem Gedanken gemacht, die Erinnerung an zumindest einen Zeitzeugen aufrechtzuerhalten und weiterzutragen. Das andere ist die Rolle von Menschen wie Gerda Dänekas. Sie führt die Gespräche weiter, steht Schülerinnen und Schülern zur Verfügung und wird in den kommenden Wochen mit dem Film unterwegs sein. Das repräsentiert das Prinzip der Zweitzeugenschaft. Dabei handelt es sich um Menschen, die die Lebensgeschichten von Holocaust-Überlebenden weitererzählen.
Balci: Was uns bei den Dreharbeiten aufgefallen ist: Es gibt noch viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen oder deren Kinder, die selbst sehr viel miterlebt haben. Das ist ein riesiges Potenzial für die Bildungsarbeit, denn viele von ihnen möchten gerne reden. So können Geschichten gesammelt werden, die wiederum ein vielschichtiges Bild von Geschichte ermöglichen. Gespräche können sehr viel bewirken.

kinofenster.de: Was kann Filmbildung in Bezug auf Erinnerungskultur leisten?
Denzel: Wir wünschen uns natürlich, dass Filme über Zeitzeugen an den Schulen in den Unterricht integriert werden. Und hoffentlich verändert das nicht nur Perspektiven, sondern löst bei jungen Menschen auch etwas aus.

kinofenster.de: Was würden Sie gerne Jugendlichen mitgeben?
Balci: Wenn ihr neugierig seid, geht einfach auf Menschen zu. Das ist etwas ganz Wichtiges. Und haltet, wenn die Menschen damit einverstanden sind, ihre Geschichten fest.