Kategorie: Hintergrund
Frauen zwischen Tradition und Moderne
Eine Figurenanalyse
"Mit leiser Stimme" erzählt von drei Frauengenerationen und ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen. Unsere Figurenanalyse stellt die wichtigsten Figuren und ihre Beziehungen vor.
Für die Beisetzung ihres Onkels Daly reist Lilia von ihrer Wahlheimat Paris in die tunesische Küstenstadt Sousse, wo sie aufgewachsen ist. Lilias Großmutter Néfissa, in deren Haus die Familie zusammenkommt, ihre Mutter Wahida und ihre Tante Hayet erwarten sie bereits. Kurz nach der Ankunft wird Lilia mit traditionellen Wertvorstellungen konfrontiert, die mit ihrem eigenen Leben wenig gemein haben: Mit 32 Jahren müsse sie bald eine Familie gründen, außerdem übe sie als Ingenieurin keinen Frauenberuf aus. Noch schwerer wiegt Lilias Geheimnis: Sie ist lesbisch und mit der Französin Alice zusammen, die mit ihr nach Tunesien gereist ist, aber im Hotel wohnt und offiziell ihre Mitbewohnerin ist. Doch dann findet Lilia heraus, dass der mutmaßlich ermordete Daly ebenfalls homosexuell war und zeitlebens ein Doppelleben führte. Das stößt etwas in ihr an.
Frauen aus drei Generationen
Auf dieser Grundlage und mit einem klaren Fokus auf die Frauenfiguren aus drei Generationen entwickelt die tunesische Autorin und Regisseurin Leyla Bouzid in Zum Filmarchiv: "Mit leiser Stimme" ("À voix basse", FR/TN 2026) eine Charakterstudie, die sich zum Porträt einer wertkonservativen bürgerlichen Familie auswächst. Die Frauen vertreten unterschiedliche Positionen zu Dalys – und somit indirekt auch Lilias – Lebenswandel, der in Teilen der Familie ein offenes und verdrängtes Geheimnis war und ist. Damit stützen sie mitunter die traditionellen Normen der tunesischen Gesellschaft, in der Homosexualität eine Straftat ist. Bouzid lotet das Figurengeflecht und die daraus hervorgehenden Konflikte aus, ohne die jeweiligen Lebenseinstellungen moralisch zu bewerten. Denn obgleich ihr Film liberale Vorstellungen vermittelt, verlangt sie ihren Figuren nicht denselben Wertekodex ab. Stattdessen gesteht sie ihnen Grauzonen zu, die sie zu glaubwürdigen Charakteren machen.
Großmutter Néfissa als Zentrum der Familie
Als konservative und resolute Matriarchin steht Lilias Großmutter Néfissa an der Spitze der Familie. Sie gibt die Regeln vor, strahlt zugleich Wärme und Geborgenheit aus. Auch wenn sie wie die anderen Familienmitglieder weder streng religiös noch besonders regierungstreu ist, verteidigt sie die Werte der tunesischen Gesellschaft. So hat sie einst eine Ehe für ihren erwachsenen Sohn arrangiert, womöglich um Gerüchten zuvorzukommen und das Ansehen der Familie zu schützen. "Unsere Mutter weiß nicht alles", sagt Lilias Tante Hayet einmal in Bezug auf Dalys Homosexualität – und vielleicht muss sie auch nicht alles wissen. Die trauernde Néfissa aus Rücksicht vor ihrem hohen Alter vor der skandalträchtigen Wahrheit zu schützen, ist ein nachvollziehbares Motiv, das Bouzid als gangbaren Weg zeichnet. Dass sich Lilia ihrer Oma gegenüber in Lügen verstrickt, gewinnt somit mehr Plausibilität.
Hayet und Wahida – Vermittlerinnen in der Zerreißprobe
Vergleichsweise offener eingestellt sind Lilias Mutter Wahida und ihre Tante Hayet als Vertreterinnen der nachfolgenden Generation. Hayet wird bei ihrem ersten Auftritt mit ihrer Vorliebe für Mojito-Cocktails eingeführt, was aus westlicher Sicht progressiv erscheint. Im Verlauf erweist sie sich als wohlwollende Vermittlerin, die das von Néfissa vorgelebte Normenwerk allerdings verinnerlicht hat und weiterträgt. Dadurch entsteht eine schwesterliche Dynamik mit Wahida, die sich als geschiedene Ärztin von streng traditionellen Ideen entfernt hat, aber gleichfalls von ihnen geprägt ist.
Im Verlauf der Handlung kommt heraus, dass Wahida ihren Bruder im Ausleben seiner Homosexualität bestärkt hat. Ihrer Tochter will sie diese Freiheit jedoch nicht zugestehen, als sie Lilias Geheimnis erfährt. Damit avanciert Wahida zu einer Schlüsselfigur, die das Spannungsfeld der Familie zwischen Tradition und Moderne verkörpert. Wie ihre Schwester ist sie im Regelwerk verwurzelt, gegen das sie nur bedingt aufbegehrt. Als Lilia im letzten Akt einen Polizeibeamten provoziert ("Verhaften Sie mich!"), schlägt ihr Wahida im Nachgang mit der flachen Hand ins Gesicht. Wenn die Mutter und die Tochter daraufhin schweigend nebeneinander auf einer Bank sitzen, berührt das den Kern des Familiendramas. Die Liebe zueinander ist da, auch wenn unterschiedliche Denkmuster das gegenseitige Verständnis belasten und manche Konflikte ungelöst bleiben.
Lilia im Geflecht ihrer Familie
Die jüngste Frauenfigur vertritt insgesamt die größte Weltoffenheit: Lilias Schwester, die mit ihrer Familie in Kanada lebt und eine kleine Nebenrolle hat, weiß von der Beziehung mit Alice, die sie nicht verurteilt – und kennt die Schwierigkeiten, die in Tunesien und speziell in der Familie damit einhergehen. Lilias Cousins und Freunde von früher ordnen Homosexualität hingegen als "Krankheit" ein, die "wider die Natur" sei. Das führt zu einer hitzigen Diskussion mit Lilia, bei der sich ihre ebenfalls anwesende Lebensgefährtin Alice beobachtend zurückhält. Als verheimlichte Geliebte ist sie eine weitere relevante Frauenfigur. Die Konfrontation mit Lilias kultureller Prägung stellt die Liebesbeziehung auf eine Probe.
Die Protagonistin Lilia, durch deren Augen wir die Familie kennenlernen, wird im Laufe der Handlung mit ihren eigenen Heimlichkeiten und Lügen konfrontiert. Ihre Nachforschungen zum Leben des Onkels vergegenwärtigen ihr immer deutlicher, wie die gesellschaftlichen Tabus in ihrem eigenen Leben nachhallen. Peu à peu löst sie sich von den verinnerlichten Ansichten. Dass sie das nicht mit dem sprichwörtlichen Vorschlaghammer tut, sondern zaghaft herantastend, ist eine große Stärke des Films. Regisseurin Leyla Bouzid interessiert sich für die Zwischentöne und für die Abwägung zwischen individueller Freiheit und familiärer Erwartungshaltung. Hinter dem Satz "Es ist einfach Liebe", den Lilia am Ende sagt, steckt ein ganzes Geflecht an (familiärer) Beziehungen, das Bouzid nicht vorschnell abstempelt. Ihr Film wirkt gerade deshalb so aus dem Leben gegriffen. Im Epilog hat Lilia mehr Klarheit, alle Differenzen sind aber keineswegs aus der Welt geschafft.