Kategorie: Filmbesprechung
"Mit leiser Stimme"
À voix basse
Stilles Drama: Die in Paris lebende Ingenieurin Lilia kehrt zur Beerdigung ihres Onkels in ihr Geburtsland Tunesien zurück. Ihre Familie weiß nichts über ihr Leben in Frankreich.
Unterrichtsfächer
Thema
Bildungsrelevant, weil das tunesisch-französische Drama zeigt, wie gesellschaftliche Erwartungen und Zwänge unausgesprochen bis in die Familie wirken.
Die gebürtige Tunesierin Lilia lebt seit Jahren als Ingenieurin in Paris. Gemeinsam mit ihrer Partnerin Alice reist sie zur Beerdigung ihres Onkels Daly in ihre Heimatstadt Sousse. Ihre Liebesbeziehung müssen die beiden Frauen verbergen: Während Alice in einem Hotel unterkommt, zieht Lilia in das Haus ihrer Großmutter, wo sich die Familie zur mehrtägigen Trauerfeier, der Fark, versammelt hat. Dort erfährt sie, dass Daly unter ungeklärten Umständen starb.
Spurensuche in der Familie
Wie bereits in ihren früheren Zum Inhalt: Spielfilmen Zum Filmarchiv: "Kaum öffne ich die Augen" ("À peine j’ouvre les yeux", FR/TN 2015) und "Eine Geschichte von Liebe und Verlangen" ("Une histoire d’amour et de désir", FR/TN 2021) interessiert sich die tunesisch-französische Regisseurin Leyla Bouzid für Menschen, die zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung ihren Platz suchen. Aus dem zunächst kammerspielartigen Familiendrama (Glossar: Zum Inhalt: Kammerspiel) entwickelt sie eine detektivische Spurensuche: Warum wurde Dalys Leiche halbnackt auf der Straße gefunden? Und wer war dieser Mann, den Lilia zu kennen glaubte?
Gespräche mit Verwandten, Begegnungen mit alten Freunden und Erinnerungsfragmente aus Lilias Kindheit fügen sich allmählich zu einem Bild ihres Onkels zusammen. Erinnerung wird dabei auch visuell erfahrbar. Lilia erscheint mehrfach zugleich als Kind und als Erwachsene im Bild, während kurze Zum Inhalt: Rückblenden Momente aus Dalys Leben einflechten: der junge Mann, sein Blick während einer arrangierten Hochzeit, Momente eines Lebens, das nie ganz ihm selbst gehörte. Je mehr Lilia erfährt, desto deutlicher wird, wie viel ihre Familie über Jahrzehnte verschwiegen hat. Erinnerung wird hier zu einer Form des Widerstands gegen das kollektive Schweigen.
Die Enge des Vertrauten
Das Haus der Großmutter in der Altstadt von Sousse bildet den zentralen Schauplatz (Glossar: Zum Inhalt: Drehort/Set) und zugleich den familiären Mittelpunkt, den die Matriarchin mit großer Autorität prägt. Warme Farben, halb geschlossene Fensterläden (Glossar: Zum Inhalt: Licht und Lichtgestaltung), wehende Vorhänge und das ständige Stimmengewirr (Glossar: Zum Inhalt: Tongestaltung/Sound-Design) vermitteln zugleich Geborgenheit wie auch Enge. Die Kamera bewegt sich (Glossar: Zum Inhalt: Kamerabewegungen) durch schmale Flure, Zimmer voller Trauergäste und begrünte Innenhöfe. Nähe ist hier selbstverständlich, Privatsphäre kaum vorhanden. Bouzid beobachtet die Rituale der Familie: gemeinsame Mahlzeiten, Besuche von Verwandten, Gespräche. In diesen Alltagssituationen werden gesellschaftliche Erwartungen sichtbar. Immer wieder kreisen die Fragen um Ehe, Kinder und gesellschaftliches Ansehen. Dass Lilia sich in Frankreich ein unabhängiges Leben aufgebaut hat, zählt weniger als die Frage, ob sie ihre vorgesehene Rolle als Ehefrau und Mutter erfüllt.
Dabei zeichnet der stimmungsvolle Film kein eindimensionales Bild einer konservativen Gesellschaft. Die Figuren bewegen sich selbstverständlich zwischen Tradition und Moderne, sprechen Arabisch und Französisch, nutzen soziale Medien. Lilias Mutter Wahida etwa ist geschieden, als Ärztin beruflich erfolgreich und hat ihren Bruder stets unterstützt. Doch bedeutet das auch, dass sie die Wahrheit über ihre Tochter akzeptieren kann? Diese Widersprüchlichkeit macht sichtbar, wie hartnäckig soziale Normen wirken können.
Verborgene Leben
Mit der Zeit verdichten sich die Hinweise darauf, dass Daly seine Homosexualität nur im Verborgenen leben konnte. Ein unerwarteter Besucher, nie abgeschickte Liebesbriefe – je mehr Lilia über ihren Onkel erfährt, desto stärker erkennt sie Parallelen zu ihrer eigenen Situation. Zwar wirken die beiden Erzählstränge – Lilias verheimlichte Beziehung und die Spurensuche nach Dalys Todesumständen – mitunter etwas konstruiert. Zugleich erzeugen Bouzids teils poetische Bildsprache und die sparsam eingesetzte, traditionell geprägte Zum Inhalt: Filmmusik eine melancholische Atmosphäre, in der Erinnerungen, Verlust und Sehnsucht spürbar werden.
"Mit leiser Stimme" zeigt, wie gesellschaftlicher Druck Menschen dazu zwingt, wesentliche Teile ihrer Identität zu verbergen. Deutlich wird das etwa im Verhalten der Polizisten, die zu den Umständen von Dalys Tod ermitteln und sich offen homophob äußern. Die Männer aus Dalys Umfeld, die Lilia und Alice in queeren Bars treffen, erzählen ihre Geschichten nur vorsichtig, stets darauf bedacht, nicht aufzufallen. Die fortbestehende rechtliche Diskriminierung homosexueller Menschen in Tunesien bildet dabei den politischen Hintergrund des Films. Statt Thesen zu formulieren, werden die Auswirkungen von gesellschaftlicher Kontrolle und der Angst vor sozialer Ausgrenzung erfahrbar.
Keine einfachen Antworten
Bereits der Filmtitel – im Original: "À voix basse" – verweist auf das zentrale Motiv des Films: Gefühle, Wünsche und Konflikte werden nicht offen ausgesprochen. Schweigen schützt, verhindert aber zugleich Nähe und Selbstbestimmung. Für Lilia mündet die Suche nach der Wahrheit über ihren Onkel schließlich in die Erkenntnis, sich nicht länger über die Erwartungen anderer definieren zu wollen. Am Ende des Films steht keine versöhnliche Aussprache zwischen Lilia und ihrer Familie, sondern eine vorsichtige Annäherung. Mehr Hoffnung als Gewissheit – gerade deshalb wirkt sie glaubwürdig.