Kategorie: Hintergrund
Die Darstellung der Wissenschaft in "Silent Friend"
Zwischen Naturwissenschaft und Poesie: Ildikó Enyedis Film findet einen ästhetischen Zugang zu komplexen Fragen.
Haben Pflanzen ein Bewusstsein? Können wir mit ihnen sprechen? Was faszinierte das Sprachgenie Goethe so sehr an der Botanik, dass er über die Blätter des Ginkgobaums ein Gedicht verfasste und über die Metamorphose der Pflanzen gleich ein ganzes Buch? Auf faszinierende Weise macht Ildikó Enyedis Film "Silent Friend" die Wissenschaft selbst zum Thema. Anders als Filmen wie Christopher Nolans "Zum Filmarchiv: "Oppenheimer"" (USA 2023) über den gleichnamigen Physiker, der die Atombombe erfand, geht es der ungarischen Regisseurin nicht um spektakuläre Entdeckungen, sondern um deren Wesen. Die wissenschaftliche Neugier, das Vordringen in unbekannte, zu ihrer Zeit gar esoterisch anmutende Grenzbereiche des Wissens ist die Hauptmotivation ihrer forschenden Protagonist/-innen. Enyedi zeigt, wie sehr dieser Forschungsdrang und seine Erkenntnisse kulturell geprägt sind. Und wie ihre Figuren Tony, Grete und Hannes sucht auch sie nach einer Sprache, um ihr Denken über Mensch und Natur Anderen zu vermitteln.
Wissenschaftliche Beobachtung als filmisches Prinzip
Animierte Grafiken der vom Neurowissenschaftler Tony gemessenen Hirnströme, Zeitrafferaufnahmen (Glossar: Zum Inhalt: Zeitraffer/Zeitlupe) des Pflanzenwachstums und der Blick in botanische Bücher kennzeichnen "Silent Friend" von Beginn an als "Wissenschaftsfilm". Mikroskopische Prozesse, die sich eigentlich der sinnlichen Wahrnehmung entziehen, werden ästhetisch erfahrbar gemacht. Enyedis Filmsprache geht jedoch darüber hinaus, indem sie mit experimenteller Neugier strukturelle Ähnlichkeiten zwischen wissenschaftlicher Methodik und dem filmischen Medium erkundet. So wie Tony das Lächeln von Babys untersucht oder das Treiben auf dem Campus betrachtet, agiert auch die Kamera (Glossar: Zum Inhalt: Kameraperspektiven) nach der Methode empirischer Beobachtung. Die schüchterne Kommunikation zwischen Mensch und Natur – etwa Hannes' Annäherung an Gundulas Geranienexperiment – wird nicht sprachlich erläutert, sondern gezeigt. Ein sinnhafter Zusammenhang entsteht erst durch das ureigenste filmische Mittel, den Schnitt (Glossar: Zum Inhalt: Montage). So wie Menschen und Pflanzen im Film einander beobachten und miteinander kommunizieren, kommunizieren auch die drei Zeitebenen auf unterschiedliche Weise miteinander – Gundula kann sich 1972 die Freiheiten nehmen, die sich Grete im Jahr 1908 erst erkämpfen muss, Tonys Baumexperiment wird 2020, ermutigt von seiner Kollegin Alice in Paris, auf Gundulas ersten elektrophysiologischen Gehversuchen aufbauen. Immer wieder deuten Zum externen Inhalt: Match-Cuts (öffnet im neuen Tab) auf den Zusammenhang hin.
Geschlechterfragen: Grete und die Taxonomie der Pflanzen
Um biologische Grundfragen geht es, zugleich hochtheoretisch und doch anschaulich, in Gretes Aufnahmegespräch vor einem Kollegium von Altprofessoren. Thema ist das Klassifizierungssystem der Pflanzen nach Carl von Linné (1707-78). Die Idee botanischer Gärten, denen "Silent Friend" seinen Schauplatz (Glossar: Zum Inhalt: Drehort/Set) verdankt, stammt aus dem klassischen Zeitalter der Naturwissenschaft – die Menschen sollten in der von Biologen wie Linné entworfenen Ordnung der Natur lesen können wie in einem Buch. Linnés streng nach geometrischen Formen geordnete "Taxonomie" der Pflanzen – Stempel, Staubgefäße, Wurzeln, Stiele, Blätter – gilt heute als wertvolle, teils aber auch überholte Pionierleistung. Die Professoren allerdings beharren auf der schon von Goethe beklagten "Unzucht" des Linnéschen Modells, mit seinen stark sexualisierten Analogien zur menschlichen Fortpflanzung. Ohne Zweifel geht es dem rein männlichen Kollegium darum, die junge Frau mit Fragen nach ihrer eigenen Sexualität zu demütigen. Grete findet darauf die einzig richtige Antwort: "Ich bin keine Pflanze."
Welche Bilder machen wir uns von der Wissenschaft?
Doch ist es so einfach? Immerhin begibt sich Enyedis Film selbst in jenen Graubereich zwischen Natur- und Humanwissenschaften, den auch ihre Protagonist/-innen erkunden. Noch heute sprechen wir von der "Sexualität" der Pflanzen. In der versuchten Kommunikation mit ihren Forschungsgegenständen bewegt die Filmfiguren vielleicht kein Begehren, aber doch Gefühle. Der Regisseurin, deren künstlerische Arbeit mit preisgekrönten Filmen wie "Körper und Seele" ("Testről és lélekről", HU 2017) seit jeher um Träume und die sinnliche Wahrnehmung des Anderen kreist, sind die Grenzen menschlichen Verstehens wohl bewusst. Umso freier arbeitet sie, wie Tony es in seiner Vorlesung von den Student/-innen fordert, mit Metaphern. So schafft sie mit geheimnisvoll orchestrierten (Glossar: Zum Inhalt: Filmmusik) Blicken ins wuchernde Wurzelwerk des Ginkgos wiederholt Analogien zum menschlichen Nervensystem. Doch Pflanzen haben weder Hirn noch Nervensystem. Mit ihrem zwangsläufig ästhetischen Zugang schärft die Ungarin die Sinne für wissenschaftliche Bilder, die zuweilen in die Irre führen, weshalb stetig neue Bilder, neue Metaphern gefunden werden müssen, um Vorgänge verständlich zu machen. Ihre poetische Bildsprache liegt dem wissenschaftlichen Denken gar nicht so fern: Wenn die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt sind, liegt es für den Naturwissenschaftler – und genauso für die Filmemacherin – nahe, diese erweitern zu wollen.
Eine Geschichte vom wissenschaftlichen Fortschritt
Bei aller Poesie solcher "Science Fiction" beinhaltet "Silent Friend" doch eine handfeste Fortschrittserzählung. Auf allen Ebenen lässt sich der Fortschritt beobachten, in der Handlung, im historisch voranschreitenden Filmmaterial (siehe dazu die Filmbesprechung zu Zum Filmarchiv: "Silent Friend"), den benutzten Kommunikationsgeräten und Aufzeichnungssystemen bis zu den sich wandelnden Geschlechterbeziehungen der seltsamen Spezies Mensch. In jeder der drei verschachtelten Episoden stößt die Wissenschaft auf Widerstände, muss sich gegen patriarchale Strukturen oder revolutionär wandelnde Normen behaupten.
Den wohl persönlichsten Bezug zur Welt der Wissenschaft findet die Filmemacherin Enyedi wiederum im eigenen Medium, nämlich in Gretes Erkundung der Fotografie. Indem sie sich die ihr anfangs noch neue Technik als wissenschaftliches Instrument aneignet, Pflanzen und Marktgemüse für ihre Zwecke ablichtet, legt die junge Forscherin wertvolle Grundlagen für die Arbeit der Nachfolgenden – und die Zeitrafferaufnahmen von Enyedis Film. So sprießt in jedem Experiment dieser imponierenden Wissenschaftsgeschichte der Keim des Neuen.
Weiterführende Links
- External Link bpb.de: Jungs sind in MINT-Fächern von Natur aus besser als Mädchen. Stimmt’s?
- External Link APuZ: Die politische Grammatik der Wissenschaftsfreiheit
- External Link APuZ: Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften
- External Link MDR: Carl von Linné - Ordnung in der Natur
- External Link Goethe Museum: Das Gedicht "Ginkgo biloba"