Spätestens mit der Verbreitung von Smartphones funktioniert eine Filmpädagogik nicht mehr, die Kinder vor unangemessenen medialen Inhalten schützen will. Kinder kommen heute noch leichter als früher in Kontakt mit Inhalten, die für eine ältere Zielgruppe bestimmt sind. Zugleich sind Horrorelemente längst Teil der Populärkultur für Kinder, nicht nur in Filmen, sondern auch in Büchern oder Videospielen. Sie alle verhandeln Urängste auf verschiedene Weise.

Die Beschäftigung mit dem, was Angst macht, gehört zur medialen Sozialisation von Kindern, unter Peers, aber auch in den Familien. Daraus folgt: Wenn Kinder nicht ausgeschlossen werden können (und in einem didaktisch altersangemessenen Rahmen auch nicht sollen), ist es sinnvoll, ihre Erfahrungen aufzugreifen und zu reflektieren. So können sie die Begegnungen mit dem Zum Inhalt: Horrorfilm-Genre besser einordnen und bei der Entwicklung von Bewältigungsstrategien unterstützt werden.

Für Pädagog/-innen bedeutet dies einen schwierigen Spagat: Einerseits wollen sie Kinder beim Umgang mit potenziell überfordernden Filmelementen begleiten. Andererseits gehen die Rezeptionsgewohnheiten in Grundschulklassen weit auseinander. Dabei bleibt es eine Herausforderung, wie Lehrkräfte den Umgang mit belastenden Inhalten unterstützen können, wenn sie diese zum Schutz der Kinder gar nicht zeigen können. Pädagogische Begleitung sollte deshalb an den individuellen Rezeptionssituationen ansetzen.

Vom eigenen Gruseln zum pädagogischen Zugang

Mit dieser Problematik haben wir uns als Dozenten in der Lehrkräftebildung mit Masterstudierenden im Grundschullehramt im Rahmen praktischer Übungen beschäftigt. Dafür nutzten wir Horrorfilme für Erwachsene zur Irritation der Studierenden, um dies dann didaktisch fruchtbar zu machen: Mithilfe von Methoden der Filmanalyse arbeiteten wir heraus, was den jeweiligen Film jenseits von Geschmackspräferenzen auszeichnet: die Figurenkonstellationen, die Zum Inhalt: Dramaturgie oder die geschickte Nutzung des Raums zur Erzeugung bestimmter Gefühle. Ferner nutzten wir die Irritationen für Filmgespräche, bei denen die Studierenden erfahren konnten, wie bereichernd ein wertfreier Austausch sein kann – und wie fordernd der stete Wechsel zwischen freier Äußerung und lernzielorientiertem Gespräch ist.

Das Horrorgenre bietet für die filmbildnerische Arbeit den Vorteil, typische Figuren wie Vampire oder Gruselclowns, Darstellungsformen (etwa Nebel und Zum externen Inhalt: jump scares (öffnet im neuen Tab)) und Situationen (zum Beispiel das Vertraute, das plötzlich zur Bedrohung wird) nutzen zu können. Dadurch kann in einem Gespräch niedrigschwellig an Rezeptionsgewohnheiten angeknüpft werden, um Filme oder das Zum Inhalt: Genre didaktisch zu erschließen.

Die mit Studierenden erprobten Verfahren übertrugen wir auf die Grundschule. Für den Besuch in einer 4. Klasse haben wir den Zum Inhalt: Kurzfilm Zum Filmarchiv: "Zombriella" (Benjamin Gutsche, DE 2015) verwendet, der die typischen Mittel eines Zombiefilms nutzt, um kindgerecht von der Selbstermächtigung eines Achtjährigen zu erzählen.

Vorwissen aktivieren, Spannung steuern, Film erschließen

Nach einem interaktiven Kennenlernspiel saßen wir Dozenten mit den Kindern im Sitzkreis, die Lehrkraft in der Mitte und die Studierenden außerhalb. Bevor wir mit den Kindern den Kurzfilm schauten, zeigten wir auf dem Smartboard ein Standbild mit den Protagonist/-innen Zombriella und Miko im Wald. Zum Einstieg ermutigten wir die Kinder, sich Geräusche der Zum Inhalt: Szene vorzustellen und davon zu erzählen. Wir verrieten noch nicht, dass es sich um einen Zombiefilm handelt. Dann gingen wir zu den Figuren über. Orientiert am Rahmenlehrplan verfolgten wir die Beschreibung von Figuren und deren mögliche Beziehung untereinander sowie Merkmale epischer Texte. Unser Ziel war es, genretypische Merkmale von den Kindern erkennen und sie daran anknüpfend erzählerische Muster entwerfen zu lassen. Auf diese Weise sollte ihr Vorwissen aktiviert und die Erwartungshaltung gesteuert werden.

Auch Zombies haben klein angefangen: Dieses Standbild aus dem Kurzfilm diente als Einstieg für die Doppelstunde in der 4. Klasse.

Filmstill aus ZOMBRIELLA, SR/ProSaar

Schnell zeigte sich das Rezeptionswissen der Kinder: Wegen der zerschlissenen Kleidung (Glossar: Zum Inhalt: Kostüm/Kostümbild) und der fahlen Haut (Glossar: Zum Inhalt: Maske/Maskenbild) der Figuren wurde vermutet, dass es sich um Zombies handle und sich der Junge nur verstelle, um nicht aufzufallen, oder dass sie sich angefreundet haben, um sich gegenseitig zu helfen. Obwohl allen Kindern der Film unbekannt war, nannten sie Genretypisches sowie Elemente der Figurenkonstellation, die für die Geschichte relevant sind.

Solche Gespräche können ein Türöffner für den Austausch über Rezeptionsgewohnheiten sein. So sagte ein Kind, dass Zombies bei Tageslicht verbrennen würden – womit Wissen aus dem Spiel Minecraft sichtbar wurde. Ein zweites Kind korrigierte, das sei nur bei Vampiren so. Ein anderes nannte die Figur Pennywise (aus Stephen Kings ES). Daraufhin verriet ein weiteres, wie es damit umgeht, wenn es auf YouTube Gruseliges sieht.

Insofern bietet der Einstieg über ein Standbild Anknüpfungspunkte: Mögliche Elemente der Geschichte können vorab besprochen werden, um die Spannung zu steuern. Auch bietet sich ein Standbild an, um sich über Rezeptionspraktiken und Strategien in überfordernden Situationen auszutauschen (etwa Filme bei Tageslicht oder gemeinsam mit Freund/-innen schauen). Zugleich gewinnt die Lehrkraft erste Erkenntnisse über die Gruppenkonstellation.

Auf den Einstieg folgte die Sichtung von "Zombriella" auf dem Smartboard. Aufgrund seiner Kürze und der für die Zielgruppe zumutbaren Intensität zeigten wir den Film ohne Unterbrechung. Im Anschluss erarbeiteten Kleingruppen aus je zwei Kindern und Studierenden den Film über ein szenisches Verfahren in Form eines Standbildes. Dafür wählten sie jeweils eine für sie wichtige Szene und bauten diese, ähnlich wie ein Denkmal, mit sich und aus Mitteln des Klassenraums auf. Dafür mussten die Gruppen die konstitutive Einheit von Handlung, Ort und Zeit erschließen und in ein sinnvolles Standbild transformieren. Abschließend präsentierte jede Gruppe ihr Ergebnis. Die Klasse hatte dabei die Aufgabe, die nachgestellte Szene zu erraten und gegebenenfalls Vorschläge zur Präzisierung von Details zu machen. Auf diese Weise wurde eine vertiefende Reflexion angeregt.

Zumutbarkeit als Kriterium: Filmauswahl und personelle Ressourcen

Das Praxisbeispiel dieser Doppelstunde zeigt, wie im Kleinen tragende Elemente eines Films thematisiert und mit dem Rezeptionswissen der Kinder weitergearbeitet werden kann. Gerade die Kombination von reflektierendem Gespräch und eigenem Spiel scheint uns die passende Herangehensweise zu sein, dieses herausfordernde Genre aufzugreifen. Denn wir sind der Überzeugung: Da Horrorfilme ein Sozialisationsfaktor sind, sollten wir auch schon Grundschulkindern eine Chance geben, die Wirkungsweise von Horror in seinen visuellen, akustischen und sprachlichen Modi verstehen zu lernen.

Zugleich lässt sich aus unserem Beispiel eine Einschränkung ableiten: Das Setting gelang durch die personelle Ressource – zwei Dozenten, begleitende Studierende, eine kooperationsbereite Lehrkraft. Der Alltag einer Lehrkraft ohne solche Unterstützung stellt andere Anforderungen. Dann empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen, das etwa mit dem Standbildgespräch beginnt und das szenische Verfahren zeitlich verschiebt.

Entscheidend für die Filmauswahl bleibt die Einschätzung der Zumutbarkeit. "Zombriella" ist zu empfehlen, weil seine Horrorelemente narrativ eingehegt sind: Die vermeintliche Bedrohung löst sich in Freundschaft auf, Mikos Angst in Stärke gegenüber dem Bruder. Filme mit existenzieller Bedrohung oder grafischer Gewaltdarstellung eignen sich nicht – unabhängig von der FSK-Freigabe.

Wichtiger Hinweis:

Methoden

  • Offene Filmgespräche, moderiert durch Einstiegsfragen

  • Szenische Verfahren, als Nachspielen oder Figuren eigenständig erarbeiten auf Basis von Dialogen oder Drehbuchangaben

  • An Standbildern über mögliche Figuren, Figurenkonstellationen oder Erzählmuster imaginieren; oder später den Film resümieren

  • Vom Filmplakat auf den Film oder auf dessen Vermarktung schließen oder eigene Poster entwerfen, etwa wenn es zu Kurzfilmen keine gibt

  • Vom Trailer auf den Film oder dessen Vermarktung schließen oder am Trailer zum Beispiel Montageformen erarbeiten

  • Arbeit mit Bonus-Material, um bei spannenden Filmen Inszenierungsstrategien nachzuvollziehen

  • Arbeit mit Mehrsprachigkeit (Originalton oder andere Sprachenauswahl), um etwa die sprachliche Vielfalt im Klassenzimmer zu adressieren

  • Vergleich von Buch und Verfilmung (zum Beispiel Kinderbuchreihe Mortina – ein Mädchen voller Überraschungen und die Umsetzung als Zeichentrickserie)

Siehe auch: Filme im Deutschunterricht (Ulf Abraham, 2009).

Mehr zum Thema