Kategorie: Filmbesprechung
"Made in EU"
Jedes Label hat seinen Preis: Ein bulgarisches Drama um Ausbeutung in der Textilindustrie
Unterrichtsfächer
Thema
Bildungsrelevant, weil der Film anhand einer präzisen Milieustudie die Ausbeutung der globalen Modeindustrie und strukturelle Ungleichheiten innerhalb Europas greifbar macht.
Die Geschichte: Die Suche nach einem Sündenbock
März 2020, zu Beginn der Corona-Pandemie: Im ländlichen Bulgarien arbeitet die verwitwete Mutter Iva in einer Textilfabrik. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag näht sie in einer beengten, fensterlosen Halle Kleidung für eine italienische Modefirma – versehen mit dem Label "Made in EU". Schon seit Tagen kämpft Iva mit Husten, Fieber und Erschöpfung. Doch der Arzt weigert sich, sie krankzuschreiben. Und wenn sie einen Tag auf der Arbeit fehlt, verliert sie ihre monatliche Bonuszahlung – die Hälfte ihres Gehalts. Als Iva positiv auf COVID-19 getestet wird, als erster bestätigter Fall der Region, stigmatisieren die Medien sie als "Patient Zero". Während sich das Virus weiter ausbreitet, muss Iva als Sündenbock herhalten: für die Fabrikleitung, die Kolleginnen und sogar für ihren eigenen jugendlichen Sohn.
Filmische Umsetzung: Inszenierung von Ausweglosigkeit
Stephan Komandarevs Sozialdrama (Glossar: Zum Inhalt: Drama) zeichnet das klaustrophobe Bild einer Kleinstadt in der europäischen Peripherie, in der Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit durch eine globale Ausnahmesituation an den Bruchpunkt getrieben werden. Iva ist eine Figur, deren Handlungsspielraum extrem eingeschränkt ist – wie für fast alle in ihrem Umfeld scheint ihr Leben fremdbestimmt durch globale, wirtschaftliche und politische Strukturen, aus denen sie nicht ausbrechen kann. Verstärkt wird diese Grundstimmung durch die physische und soziale Isolation der Pandemie. Thematisch wie formell vermittelt der Film das doppelte Gefühl der Enge. Innerhalb des schmalen 2:3-Zum Inhalt: Bildformats werden die Figuren oft räumlich eingegrenzt, oder als Spiegelungen in Türrahmen, Fenstern und Bildschirmen gezeigt. Fast alle Szenen finden in geschlossenen Räumen statt, unter dem künstlichen Licht der Fabrikhalle, Ivas kleiner Wohnung und des Krankenhauses (Glossar: Zum Inhalt: Licht und Lichtgestaltung). Die wenigen Außenszenen spielen häufig bei Nacht oder werden gerahmt von Gebäudefassaden. Unter dem beobachtenden, sozialrealistischen Stil kommt eine unmissverständliche Kritik am globalisierten Kapitalismus zum Vorschein.
Das Thema: Ausbeutung made in Europe
"Made in EU": Für viele Konsument/-innen verspricht dieses Label wohl eine fairere Alternative zur Ausbeutung in der globalen Modeindustrie: bessere Arbeitsbedingungen, gerechter Lohn, nachhaltigere Produktion. Doch die Realität sieht oft anders aus: In Südosteuropa – auch in den EU-Mitgliedsstaaten Rumänien und Bulgarien – arbeiten schätzungsweise eine Million Menschen in der Textilindustrie, viele unter prekären und menschenunwürdigen Bedingungen. Der Film fordert auf, sich mit wirtschaftlicher Ausbeutung und strukturellen Ungleichheiten auch innerhalb der Europäischen Union zu beschäftigen, sowie mit der eigenen Rolle darin.
Fragen für ein Filmgespräch
Weshalb geht Iva trotz ihrer Krankheit zur Arbeit? Kannst du ihr Handeln nachvollziehen? Welche anderen Möglichkeiten hätte sie gehabt und was wären die Konsequenzen?
An welchen Orten spielt der Film und wie wirken diese auf dich? Welche Rolle spielen dabei Licht und Farben?
Recherchiere: Spiegelt der Film die Realität der Modeindustrie in Südosteuropa wider? Was müsste passieren, damit sich die Situation verändert?