Kategorie: Hintergrund
„I Don't Feel Like Dancin’” – Der Soundtrack in "Sunny Dancer"
Wie in vielen Coming-of-Age-Filmen spielt Popmusik in "Sunny Dancer" eine wichtige Rolle. Der Hintergrundtext erörtert, wie der Soundtrack die Gefühle der Figuren widerspiegelt.
Viele nehmen Musik, vor allem Popmusik, in ihrer Jugend besonders intensiv wahr. Analog dazu setzen Zum Inhalt: Coming-of-Age-Filme häufig auf Pop-Soundtracks. Beispiele dafür reichen von "Zum Filmarchiv: "Die Reifeprüfung"" ("The Graduate", Mike Nichols, USA 1967) mit den Songs von Simon & Garfunkel bis hin zum 90er-Jahre-Soundtrack des Independent-Films "Zum Filmarchiv: "Mid90s"" (Jonah Hill, USA 2018). "Sunny Dancer", der von therapierten krebskranken Jugendlichen in einem Sommercamp handelt, bestätigt die Regel. Der von Este Haim und Zachary Dawes komponierte Filmscore (Glossar: Zum Inhalt: Filmmusik) bleibt meist im akustischen Hintergrund. Stattdessen stehen populäre Tracks im Rampenlicht. Achtzehn vorgefertigte Popstücke listet der Zum Inhalt: Abspann, ein gutes Dutzend davon wird im Film unüberhörbar eingespielt.
Zunächst verortet ein Soundtrack einen Film in einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Milieu. So transportieren etwa in "The Breakfast Club" (John Hughes, USA 1985) Songs der britischen New Wave das Lebensgefühl junger Außenseiter/-innen in einer Kleinstadt. In "Sunny Dancer" ist dieses Milieu die Jugend der sogenannten Gen Z zur Entstehungszeit des Films. Anders als klassische Scores, die keineswegs immer, aber oft subtil wirken, setzen Soundtracks bewusste Ausrufezeichen. Die Bekanntheit der Stücke zielt darauf ab, das Publikum abzuholen. Ihre Implementierung in den Film geht unterschiedlich vonstatten. Mal kommt die Musik diegetisch aus einer innerfilmischen Quelle wie einem Konzert, mal ist sie nicht-diegetisch von außen eingespielt; üblich sind Mischformen, bei denen die Musik die Ebenen wechselt. Mal stehen die Texte im Vordergrund, mal die Melodien, mal beides zugleich. Dabei ist es eine Frage der Tonabmischung, welche Zeilen herausklingen, außerdem eine des gewählten Ausschnitts – fast nie läuft ein Poptrack im Kino in Gänze durch.
Textzeilen als Kommentar
Einige Stücke aus "Sunny Dancer" stellen einen textlichen Bezug zur Handlung her und reflektieren innere Entwicklungen der Figuren. Ein Beispiel ist die Musik im Zum Inhalt: Vorspann: The Hardest Part von Olivia Dean läuft erst aus dem Off (Glossar: Zum Inhalt: Off-/On-Ton). Dann eröffnet der Film mit einem Close-up (Glossar: Zum Inhalt: Einstellungsgrößen) auf die Protagonistin Ivy. Der Song wechselt ins On, weil Ivy ihn hört. Der Text gibt einen ersten Hinweis darauf, dass Ivy sich im Verlauf ihrer Krebserkrankung verändert hat: „But the hardest part is / You're realizing maybe I, maybe I ain't the same / And what you're waiting for ain't there no more anyway.“ („Aber das Schwierigste ist / Dir wird klar, vielleicht bin ich, vielleicht bin ich nicht mehr dieselbe / Und das, worauf du wartest, ist ohnehin nicht mehr da.“)
Gegen Ende des Films wirft das Stück Youth der Indie-Folk-Band Daughter einen Schatten voraus auf die finale Wendung, dass Ivys Freund Jake gestorben ist und die Teenagerin die Wahrheit verdrängt. Im Text heißt es: „Shadows settle on the place, that you left / Our minds are slow to accept.“ („Schatten legen sich auf den Ort, den du verlassen hast / Unsere Köpfe sind langsam darin, das zu akzeptieren.”) Als Kommentar lässt sich auch der Gastauftritt des Singer-Songwriters James Blunt auffassen, der live auf der Bühne You're Beautiful aufführt. Der bekannte Refrain meint alle Anwesenden.
I Don't Feel Like Dancin'
Eine zentrale Bedeutung hat der Song I Don't Feel Like Dancin' der US-Band Scissor Sisters. Dreimal kommt das aus dem Jahr 2006 stammende Lied im Film vor. Zuerst, als Ivys Eltern sie mit dem Auto in das Camp fahren. Unterwegs lernen wir eine Tradition der Familie kennen, die dazu immer eine Choreografie mit augenzwinkernden Tanzmoves aufführt. Der Moment unterstreicht die familiäre Verbundenheit und schafft die Grundlage für die weiteren Einsätze des Songs. Außerdem beinhaltet der Kontrast zwischen dem tanzbaren Rhythmus und dem Text die grundlegende Reibung des Films zwischen Tragik und Komik: Der Grund, warum Ivy nicht tanzen will, ist alles andere als fröhlich. Im Verlauf wechselt der Song ins Off, was ihn betont.
Später bekräftigt das Stück Ivys Charakterentwicklung. Als die Jugendlichen zusammensitzen, spielt Ivy den Song per Smartphone ab und führt den Familientanz vor, den die anderen bald nachahmen. Die Musik drängt sich lauter werdend in den Vordergrund der Audiospur (Glossar: Zum Inhalt: Tongestaltung) und wechselt schließlich ins Off. Die Schlüsselsequenz verdeutlicht, dass sich Ivy nach anfänglichen Problemen öffnet und eine Ersatzfamilie gefunden hat: Jetzt ist ihr dann doch nach Tanzen zumute. Der dritte Einsatz des Stücks beim finalen Talentwettbewerb kippt ins Dramatische. Wieder führt Ivy den Tanz auf, doch dieses Mal geht das nur kurz angespielte Lied in einen melancholischen Klavier-Score über, der die folgende Zum Inhalt: Rückblende untermalt. Kurz darauf wird der Grund für den Stimmungswechsel klar: Alle außer Ivy wissen, dass ihr Freund Jake gestorben ist.
Emotionen verstärken
In mehreren Montagesequenzen intensiviert die Musik die Emotionen der Figuren. Zu Hysteric der New Yorker Rockband Yeah Yeah Yeahs hüpfen die Jugendlichen in Zum Inhalt: Zeitlupe durch das Camp. Das Prinzip wiederholt sich, wenn die Teenager/-innen zu VHS von Swimming Paul in den See springen oder wenn das dynamische Stück Dreams der irischen Band The Cranberries den Ausflug auf einen Rummelplatz unterlegt. In der längeren Musikpassage auf dem Rummel wechselt die Abmischung der Tonspur immer wieder zwischen Dialog und Musik, was im Film häufig vorkommt. Die Zeile „Oh, my life is changing everyday in every possible way“ („Oh, mein Leben verändert sich jeden Tag auf jede erdenkliche Weise“) korrespondiert mit der Identitätsfindung der Figuren, vor allem aber trifft die Energie des Songs die jugendliche Hochstimmung.
Beispielhaft zeigt sich die Emotionalisierung durch Musik auch an den Tracks, mit denen die ersten sexuellen Erfahrungen von Ivy und ihrer Zimmernachbarin Ella unterlegt sind. Ivys erstes Mal mit Jake wirkt durch das 2019 veröffentlichte Liebeslied Warm with You von Hayden Calnin so romantisch wie es von den beiden empfunden wird. Bei Ella und Archie geht es weniger um erste Liebe, sondern um den Verlust der Jungfräulichkeit. Das lasziv-rockige Ooh La La von Alison Goldfrapp vermittelt das musikalisch.
Alle Musikeinsätze in "Sunny Dancer" folgen den beschriebenen Mustern. Generell hält sich die Einbindung der Musik sehr eng an die Konventionen des Jugendkinos. Aber auch die Besonderheit des Films, ein hartes Thema auf eine leichte, aber empfindsame Weise darzustellen, hallt wider in der Musikdramaturgie.