Bildungsrelevant, weil der Dokumentarfilm nicht über, sondern mit seiner Protagonistin über Transidentität erzählt und dabei Vorurteile und Berührungsängste abbaut.

Die Geschichte: Queeres Leben im ländlichen Mexiko

Über acht Jahre hinweg begleitet Regisseur und trans* Mann Kani Lapuerta das trans* Mädchen Karla, die mit ihren Eltern in der ländlichen Kleinstadt Tepoztlán, etwa eine Stunde von Mexiko-Stadt entfernt lebt. Als Karla den Dreharbeiten zustimmt, ist sie gerade einmal sieben Jahre alt, am Ende des Zum Inhalt: Dokumentarfilms fünfzehn. Dabei erzählt "Niñxs" keine Leidensgeschichte: In intimen Alltagsmomenten lernen wir Karla, ihre progressiven Eltern und ihren überwiegend queeren Freundeskreis kennen; in spielerisch inszenierten Zum Inhalt: Szenen offenbaren sich ihre Wünsche, Ängste und ihr augenzwinkernder Blick auf die Welt. Von Anfang an erleben wir Karla als aufgeschlossenen und ausdrucksstarken jungen Menschen. In der Monotonie der Corona-Pandemie dreht sie humorvolle Tik Tok-Videos, später stylt und schminkt sie sich selbstbewusst für den Club oder Pride-Paraden. Karlas Trans*-sein steht dabei außer Frage: Geschlechtsidentität erscheint als aktiv und selbstbestimmt gestalteter Prozess, nicht als Eigenschaft, die von außen zugeschrieben wird.

Wenn Sie diesen Drittanbieter-Inhalt von www.youtube-nocookie.com aktivieren, ermöglichen Sie dem betreffenden Anbieter, Ihre Nutzungsdaten zu erheben. Weitere Informationen zur Nutzung von Drittanbieter-Inhalten erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Externer Link: Datenschutzerklärung anzeigen


Filmische Umsetzung: Im Dialog mit der Protagonistin

Besonders ist der kollaborative Ansatz, den "Niñxs" verfolgt. Bereits zu Beginn fragt Kani Lapuerta seine Protagonistin, wie ihr Film anfangen soll. Diese Einladung zur Zusammenarbeit wird zum wiederkehrenden Motiv: "Niñxs" ist als gemeinsames Projekt angelegt, Karla Mitautorin ihrer eigenen Geschichte. Gemeinsam mit Kani kommentiert sie den Film und seinen Entstehungsprozess auf der Tonspur (Glossar: Zum Inhalt: Voiceover): Sie blicken aus der Gegenwart auf die letzten acht Jahre zurück, greifen in die Erzählung ein, sind albern, finden aber auch tiefe und ernste Töne. So entsteht gleichermaßen ein intimes Portrait ihrer Freundschaft, das sich bewusst von einem klassisch-dokumentarischen Ansatz löst und sich die Freiheit nimmt, Szenen spielerisch zu überhöhen und Momente zu reinszenieren. Damit setzen Karla und Kani einer Tendenz der Fremdinszenierung von trans* Personen im Film einen affirmativen Zugang entgegen. Der filmische Entstehungsprozess selbst wird Teil der Handlung, und "Niñxs" zu einem zutiefst persönlichen Werk.

Das Thema: Raum für Selbstverwirklichung


"Niñxs" ist eine geschlechtsneutrale Form für das spanische Wort "niños" und schließt auch trans, nicht-binäre und genderfluide Kinder mit ein. Damit macht der Film bereits im Titel deutlich, welche Erfahrungen er ins Zentrum rückt. Die zentrale Frage des Films bleibt jedoch universell: Unter welchen Bedingungen können junge Menschen eine positive Beziehung zu sich selbst entwickeln? "Niñxs" verdeutlicht, dass dafür nicht nur Akzeptanz im familiären Umfeld und aufrichtige Freundschaften wichtig sind, sondern auch Freiräume, in denen Selbstinszenierung möglich wird. Durch den kollaborativen und selbstreflexiven Ansatz des Films bekommt Karla die Gelegenheit, ihre eigene Geschichte selbstbewusst zu erzählen und mitzugestalten. "Niñxs" zeigt kindliche Transidentität nicht als Bürde, sondern als selbstverständlichen Lebensentwurf. Damit macht der Film möglich, was Repräsentation im besten Fall kann: Vorbilder schaffen.


Fragen für ein Filmgespräch

  • Karla erklärt die Dissoziation – die Fähigkeit, sich aus dem eigenen Körper "herauszuzoomen" – zu ihrer "Superkraft", um die Grundschule zu überstehen. Was sind Bewältigungsstrategien, die du in herausfordernden Situationen anwendest?

  • Welche filmästhetischen Strategien wendet der Film an, die eurer Idee von einem klassischen Dokumentarfilm widersprechen?

  • Karla und ihr Freund Oliver nehmen in einer Szene eine Videobotschaft an ihr zukünftiges Ich auf. Was würdet ihr eurem älteren Ich gerne sagen? Schreibt eine Postkarte und hebt sie auf, damit ihr sie später noch einmal lesen könnt.

Der Text ist lizenziert nach der Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Mehr zum Thema