Wichtiger Hinweis:

Hinweis für Lehrer/-innen: Der Film "Ein Kuchen für den Präsidenten" enthält Andeutungen von sexueller Gewalt und Missbrauch. kinofenster.de empfiehlt den Film (FSK 6) ab der 10. Klasse. Allerdings liegt es in Ihrem Ermessen, ob der Film für Ihre jeweilige Lerngruppe geeignet ist. Grundsätzlich empfiehlt es sich, den Film vor der Sichtung und dem Einsatz im Unterricht anzuschauen und dann zu entscheiden.

Irak, in den 1990er-Jahren: Während das von Diktator Saddam Hussein mit brutaler Härte beherrschte Land unter den Folgen des Zweiten Golfkriegs (1990/91) leidet, wächst die neunjährige Lamia bei ihrer resoluten, aber liebevollen Großmutter Bibi in einfachsten Verhältnissen im Marschland am Tigris auf. Von ihrem Zuhause, einer Schilfhütte, fährt sie morgens allein mit dem Boot zur Schule, nach dem Unterricht hilft sie Bibi, Trinkwasser zu holen, kümmert sich um ihren Hahn Hindi oder spielt mit ihrem Freund Saeed "wer zuerst blinzelt". Ihr gewohntes Leben gerät jedoch aus den Fugen, als Lamias regimetreuer Klassenlehrer anlässlich des bevorstehenden Geburtstags Husseins unter den Kindern Aufträge für die obligatorischen Feierlichkeiten auslost und dem Mädchen die gefürchtetste Aufgabe zufällt – für die Schule einen Kuchen zu Ehren des Präsidenten zu backen. Denn Nahrungsmittel sind knapp und für Bibi und Lamia wie für einen Großteil der Bevölkerung kaum bezahlbar. Doch wenn Lamia die Aufgabe nicht erfüllt, drohen drakonische Strafen. So beginnt eine irrlichternde Reise von der Provinz in die große Stadt, die Lamia, Bibi und auch Saeed, der für die Geburtstagszeremonie frisches Obst besorgen muss, durch ein kriegsgezeichnetes Land führt, in dem sie mit Opportunismus, Ausbeutung und Gleichgültigkeit konfrontiert werden, aber auch Solidarität erfahren.

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Realitätsnähe und märchenhafte Momente

In seinem Langfilmdebüt verarbeitet Zum Inhalt: Regisseur Hasan Hadi Erinnerungen an seine eigene Kindheit im Irak nach Ende des Zweiten Golfkrieges (1990/91) – als die Gewaltherrschaft Saddam Husseins und seiner Baath-Partei trotz anhaltender UN-Sanktionen und Bombardements der US-Luftwaffe noch kaum erschüttert schien. Konkret benennt Hadi in einer dem Film vorangestellten Texttafel nur die Sanktionen. Der weitere politische Kontext erschließt sich über weite Strecken wie nebenbei auf der visuellen Ebene des Films – in ruhigen Zum Inhalt: Cinemascope-Bildern, die Lamias Heldinnenreise begleiten und dabei stets auch ihr Umfeld einfangen: Kampfjets durchschneiden den Himmel, der lange Weg in die Stadt führt durch einen militärischen Checkpoint, Lamia und Saeed begegnen verwundeten Soldaten. Unübersehbar sind die allgegenwärtigen Porträts Saddam Husseins. Die beiläufige Zum Inhalt: Inszenierung, die Alltagsbeobachtungen Raum gibt, trägt zu einem realistischen Eindruck bei, trotz zuweilen fast märchenhafter Entwicklungen. Großen Anteil daran haben auch der Dreh mit Laiendarsteller/-innen an Originalschauplätzen (Glossar: Zum Inhalt: Drehort/Set) sowie die Zum Inhalt: Farbgestaltung und die Zum externen Inhalt: Körnigkeit der Bilder (öffnet im neuen Tab), die sich an Filmen der 1990er-Jahre orientieren. Am Ende unterstreicht Hadi die absurde Grausamkeit der Geschichte mit einer historischen Videoaufnahme von Husseins 50. Geburtstag: Sie zeigt den Diktator beim Anschnitt einer haushohen Torte – ein groteskes Zeugnis seines Größenwahns.

Eine Kindheit unter Saddam Hussein

Obwohl Lamias und Saeeds Heimat im mesopotamischen Marschland auf den ersten Blick seit Jahrhunderten kaum verändert scheint, ist ihre Kindheit durch das herrschende politische System geprägt. Nicht nur belastet sie die ökonomische Situation, schon die Schule vermittelt ihnen den absoluten Machtanspruch des Staatsoberhaupts, der in einem bizarren Personenkult Vergötterung und unbedingten Gehorsam einfordert. Dort werden die Kinder darauf eingeschworen, "Blut und Seele" dem Diktator zu verschreiben. Ein kindgerechtes Leben ist so kaum möglich.

Auch die Großmutter steht dem System hilflos gegenüber. Ihre Diabetes-Medikamente sind nicht zu bekommen, sie kann ihre Enkelin nicht mehr versorgen und wird von den Behörden abgewiesen, als sie Hilfe erbittet. Auf ihrer Suche nach Kuchenzutaten und Obst erleben derweil Lamia und Saeed, wie die Gesellschaft unter dem Regime verroht, wie Korruption, Skrupellosigkeit und sexuelle Gewalt um sich greifen. Die Kinder werden betrogen, bestohlen und bedroht. In ihrer Not sehen sich die beiden schließlich selbst zum Diebstahl gezwungen. Gleichzeitig zeigt sich ihre Selbstwirksamkeit, etwa wenn sie geschäftssinnig anbieten, gegen Entlohnung Getreidesäcke zu schleppen.

Der Wert von Freundschaft und Solidarität

In seiner oft drastisch-realistischen Schilderung einer Kindheit im Zeichen von Krieg und Diktatur bewegt sich Hadis Film auf den Spuren von Roberto Rossellinis Klassiker Zum Filmarchiv: "Deutschland im Jahre Null" ("Germania anno zero", IT 1948), erinnert mit seinen humorvollen Momenten und seinem liebevollen Blick auf seine Heldin mitunter aber auch an Zum Filmarchiv: "Sie küssten und sie schlugen ihn" ("Les quatre cents coups", FR 1959). Wie der Zum Inhalt: Coming-of-Age-Film von François Truffaut betont er zudem den Wert von Freundschaft: Ihre Solidarität hilft den Kindern, weiterzugehen, mutig zu sein und die Hoffnung aufrechtzuerhalten. Lamia hält sich außerdem an ihrem Hahn Hindi fest, den sie in einer Tragetasche auf ihre Reise mitnimmt und den sie vehement verteidigt, als er in Gefahr gerät. Und bei allen negativen Erfahrungen begegnen den Kindern zumindest vereinzelt auch Erwachsene, die ihnen helfen – allen voran der gut vernetzte Postbote Jasim. In einer harschen Welt blitzen so immer wieder Lichtblicke auf. Und selbst wenn der Krieg Lamia und Saeed am Ende in ihr Klassenzimmer folgt und ihre Anstrengungen ad absurdum führt, können sie sich gegenseitig stützen. Egal wer zuerst blinzelt, das andere Kind passt auf.

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