Ob sie grundsätzlich eine neue Identität annehmen und im Kreise ihrer Familie und Bekannten ihr weibliches Geschlecht verleugnen, und welche Risiken sie dafür eingehen – darüber lässt sich derzeit noch nichts Genaueres in Erfahrung bringen. Dass einige von ihnen lesbisch sind und ihre Sexualität heimlich leben, kann angenommen werden, bleibt aber auch Spekulation. Angesichts der großen Tabuisierung und eines Verbots von Homosexualität, bei der sogar die Todesstrafe droht, kann es sich keine Frau leisten, öffentlich darüber zu reden. Lesbische Frauen in Männerkleidern bilden allerdings in jedem Fall eine Minderheit.
Zunehmend stärker vertreten sind nach Aussagen einer iranischen Wissenschaftlerin Mädchen im Alter von 13, 14 und 15 Jahren, deren Kindheit von Gewalt und Tyrannei geprägt ist. Von aggressiven Vätern verprügelt, misshandelt und sexuell missbraucht und von der hilflosen Mutter im Stich gelassen, hauen sie von zu Hause ab. Um halbwegs geschützt als Obdachlose auf der Straße leben zu können und vor Vergewaltigungen sicher zu sein, tarnen sie sich als Jungen, schneiden ihr Haar ab und laufen in entsprechender Kleidung herum, meist in weiten Sport- oder Trainingsanzügen.
Da sich kaum andere Möglichkeiten des Verdienstes bieten, enden die meisten dieser Biografien in der Prostitution, die im Iran ebenfalls unter schwerer Strafe steht und von offiziellen Stellen häufig geleugnet wird. Einige wenige Mädchen versuchen zwar, sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Die meisten aber schaffen an, lassen sich von Zuhältern anheuern, geraten auch in Berührung mit Drogen. Im Gegensatz zu Fariba, der Protagonistin im Film
Fremde Haut, die auch auf der illegalen Arbeitsstelle in Deutschland eine männliche Identität vorgibt, führen die Mädchen im Iran meist ein Doppelleben: Sie treten als Jungen auf, prostituieren sich aber als Mädchen. Zuhälter und Freier haben einen geschulten Blick, sie können richtige Jungen und jungenhafte Mädchen gut voneinander unterscheiden.
Zwar gibt es mittlerweile auch staatliche Mädchenhäuser in Teheran. Sie erfreuen sich aber keiner großen Beliebtheit, denn auch dort sind die jungen Frauen letztlich nicht sicher vor Prostitution und Vergewaltigungen. Eine iranische Informantin berichtet von einem prekären Fall aus jüngster Zeit, der immerhin in die nationale Presse gelangte: Danach soll ein Karadj (Kleriker), der ein Mädchenhaus bei Teheran leitete, gleichzeitig als Emam Djome (Zuhälter) versucht haben, Kapital aus der Not Zuflucht suchender Mädchen zu schlagen, die er heimlich und ohne ihren Willen an Freier vermittelte.