Kategorie: Filmbesprechung
"Romería – Das Tagebuch meiner Mutter"
Romería
Eine 18-Jährige spürt dem Leben ihrer früh verstorbenen Eltern nach und taucht dabei in die Zeit nach Ende der Franco-Diktatur ein.
Unterrichtsfächer
Thema
Bildungsrelevant, weil der Film in poetischen Bildern die Identitätssuche einer jungen Frau und darüber von der teilweise bis heute tabuisierten AIDS-Krise in Spanien erzählt.
Die Geschichte: Auf Spurensuche im Leben der leiblichen Eltern
Nach dem frühen Tod ihrer Eltern ist Marina bei der Familie ihrer Mutter in Katalonien aufgewachsen. Als 18-Jährige fährt sie im Sommer 2004 nach Vigo zur Familie ihres leiblichen Vaters, den sie nie kennengelernt hat. Für ein Stipendium benötigt sie dessen Sterbeurkunde. An der spanischen Atlantikküste trifft sie zum ersten Mal auf seine Familie und sucht nach Spuren der Liebesgeschichte ihrer Eltern. Die Erzählungen der neu gewonnenen Tanten und Onkels, Cousinen und Cousins und das Schweigen der Großeltern lassen Leben erahnen, die von Fernweh, der Liebe zum Meer und Drogenabhängigkeit geprägt waren. Zwischen verdrängten Gefühlen, Wahrheiten und Unwahrheiten versucht sich Marina eine Beziehung aufzubauen zu zwei Menschen, die sie nicht kannte.
Filmische Umsetzung: Ein Tagebuchfilm, der Vergangenheit in die Gegenwart holt
Nach Zum Filmarchiv: "Fridas Sommer" ("Estiu 1993", ES 2018) und Zum Filmarchiv: "Alcarràs – Die letzte Ernte" ("Alcarràs," ES/IT 2022) präsentiert Carla Simón mit "Romería" (span. für Pilgerfahrt) den letzten Teil ihrer Familientrilogie mit autobiografischem Bezug. Diesmal sind die Familie ihres leiblichen Vaters sowie Briefe ihrer Mutter Ausgangspunkt der autofiktionalen Geschichte. Im Film stehen diese als Zum Inhalt: Voiceover im audiovisuellen Dialog mit den Bildern eines Videotagebuchs der jungen Protagonistin. In sommerlichen Bildern und nachdenklichem Ton erzählt sie darin über fünf Tage hinweg von der Reise zu ihren familiären Wurzeln. Je mehr sie das Leben ihrer verstorbenen Eltern aus dem Verschweigen holt, desto stärker fließen die Erzählebenen ineinander: Videoaufnahmen stehen gleichermaßen für früher und heute; und die OffZum Inhalt: Off-Monologe und Figuren von Mutter und Tochter verschwimmen, bis sie schließlich eins werden. Im so entstehenden rätselhaften Bildersog wird Zeitlichkeit aufgehoben und Nähe unmittelbar.
Das Thema: Die Heroin- und AIDS-Krise im Spanien der 1980er-Jahre
Ausgehend von der Geschichte ihrer eigenen Eltern, die 1993 an AIDS gestorben sind, wirft Carla Simón einen Blick auf die "vergessene Generation": jene Spanier/-innen, die nach dem Ende der Franco-Diktatur als junge Erwachsene in eine neue demokratische Welt hineinwuchsen – im Spannungsfeld politischer Umwälzung und großer Widersprüchlichkeiten. Zwischen Freiheits-Boom und Perspektivlosigkeit rutschten viele Menschen in den Drogenkonsum, insbesondere im Nordwesten Spaniens, wo der Kokain- und Heroin-Schmuggel florierte. Die daraus entstehende Heroin-Krise war untrennbar mit der Ausbreitung von HIV/AIDS verbunden und führte im europäischen Vergleich zu einer der höchsten Mortalitätsraten der damaligen Zeit. Mit der Reise Marinas rückt der Film diese oft verdrängte Zeit und die damit verbundenen Spätfolgen stärker in das kollektive Gedächtnis.
Fragen für ein Filmgespräch
Wer ist für Marina ihre Familie? Wie verändert sich im Laufe der Reise ihr Blick auf ihre Eltern und ihre Familie? Wofür könnte der Filmtitel "Romería" stehen?
Wie werden die beiden Erzählebenen (Erinnerungen der Mutter und Reiseaufzeichnungen von Marina) in Bild (Glossar: Zum Inhalt: Bildkomposition) und Ton (Glossar: Zum Inhalt: Tongestaltung/Sound-Design) dargestellt? Wie ist ihr zunehmendes Ineinanderfließen gestaltet? Welche Wirkung entsteht dadurch?
Was erfahren wir im Film über die 1980er-Jahre in Spanien? Recherchiert zu den Begriffen "La Transición" und "Movida Madrileña" sowie der damaligen Heroin- und AIDS-Krise.
Weiterführende Links
- External Link Film-Website des Verleihs
- External Link Vision Kino: FilmTipp
- External Link APuZ: Der öffentliche Umgang mit der Franco-Diktatur
- External Link Spanien auf Deutsch: Hintergrund: Was ist eigentlich die movida madrileña?
- External Link arte.tv: Das Erbe des Diktators - 50 Jahre Demokratie in Spanien (bis zum 9.11.2028)
- External Link bpb.de: AIDS-Epidemie
- External Link filmportal.de