Bildungsrelevant, weil der Film anhand der Biografie Wolf Biermanns zentrale Konflikte und Umbrüche deutscher Geschichte eindrücklich nachvollzieht.

Die Geschichte: Lebenswege eines unbequemen Künstlers zwischen Ost und West

In seinem 90. Lebensjahr ist Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann in der Öffentlichkeit so präsent wie seit 1976 nicht mehr – ob auf der Frankfurter Buchmesse, in Konzertsälen oder auf der neuen LP der Toten Hosen. Jens Meurers episch angelegter und sorgfältig recherchierter Zum Inhalt: Dokumentarfilm mit dem nüchternen Titel "Biermann" erzählt nun seine Lebensgeschichte. Dabei wird die deutsch-jüdische Herkunft des Künstlers aus einem Hamburger Arbeiterhaushalt ebenso nachvollziehbar wie seine spätere, enge Vernetzung in der gesamtdeutschen und internationalen Geisteswelt. Im Zentrum des Porträts steht seine Zeit in der DDR ab Mai 1953 bis zu seiner Ausbürgerung 1976. Meurer beschränkt sich dabei keineswegs auf eine historisierende Betrachtung, sondern zeigt Biermann als eine unbequeme Stimme, die sich vernehmlich in aktuelle Diskussionen einbringt.

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Filmische Umsetzung: Entdeckungsreise und Selbstdarstellung vor laufender Kamera

Meurer richtet einen neugierigen, teilweise ehrfürchtigen Blick auf das „Phänomen Biermann“. Sein Staunen über die Wendungen im Leben des „Helden“ überträgt sich als Entdeckungsreise vor laufender Kamera auf die Zuschauer/-innen. Zahlreiche Zum Inhalt: Szenen filmte er auf analogem Zum Inhalt: 16mm-Material. Das Einlegen neuer Filmrollen wurde zur „bewussten Komplikation“ (Meurer). Diese nicht gezeigten Unterbrechungen der Gespräche führten zu einer „Verfremdung“ im durchaus Brecht’schen Sinne – ihr Inszenierungscharakter (Glossar: Zum Inhalt: Mise-en-scène/Inszenierung) bleibt so stets spürbar. Neben den Dialogen zwischen „Held“ und Regisseur stehen Interviews mit Freunden und Biermann nahestehenden Wegbegleiter/-innen, wie der Autorin Barbara Honigmann, dem Schauspieler Armin Mueller-Stahl oder Joachim Gauck (Glossar: Zum Inhalt: Talking Head). Das umfangreich verwendete Archivmaterial – darunter Privatfotos und -filme, Ausschnitte aus Konzerten und Reportagen, aber auch zahlreiche Aufnahmen von Stasi-Observationen – eröffnet neue Perspektiven auf Biermanns Biografie und macht diese zum archetypischen Fallbeispiel der Konfrontation zwischen Macht und Zivilcourage.

Das Thema: Widerstand statt Anpassung

Biermann begehrte gegen die Doppelmoral der herrschenden SED-Kaste immer wieder auf. Seine zunächst privilegierte Stellung kippte in die eines klassischen Dissidenten – er wurde zur „Persona non grata“. Am 13. November 1976 nutzte die SED-Führung ein Konzert Biermanns in Köln, um ihm die Wiedereinreise in seine Wahlheimat DDR zu verweigern. Auch im anderen Teil Deutschlands blieb er widerständig, wandte sich beharrlich gegen Ungerechtigkeiten und Opportunismus, in Ost wie West. Dafür nahm er auch in Kauf, Bewunderer vor den Kopf zu stoßen – wie bei seinem im Film gezeigten Auftritt im Dezember 1989 in Erfurt, als er das Publikum als Mitläufer/-innen beschimpfte. Seine sich mitunter harsch einmischende, durchaus auch nervende Stimme hat ihre Gültigkeit bewahrt.

Fragen für ein Filmgespräch

  • Besitzt der „Fall Biermann“ für Euch auch heute noch Aktualität? Fallen Euch Beispiele ein, bei denen Menschen wegen ihrer politischen Haltung unter Druck geraten?

  • Regisseur Jens Meurer drehte seinen Film in enger Zusammenarbeit mit Biermann. Wie äußert sich diese Nähe? Welche Grenzen setzt diese Herangehensweise?

  • Was gefällt Euch an der Haltung des Liedermachers – oder gibt es auch Charakterzüge, die Ihr problematisch findet?

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