1908 wird Grete als erste weibliche Studentin an der Universität Marburg aufgenommen. Frustriert von der Feindseligkeit ihrer Kommilitonen sucht die angehende Biologin Zuflucht unter dem Blätterdach eines mächtigen Ginkgobaums, der im Botanischen Garten der Universität wächst. In ihrer Einsamkeit beginnt sie die Welt der Pflanzen fernab des konservativen akademischen Betriebs mit der Fotokamera zu erkunden.

Über ein halbes Jahrhundert später bleibt der introvertierte Geisteswissenschaftler Hannes inmitten der aufgeregten Post-68er-Stimmung unter dem gleichen Fächerblattbaum lieber für sich. Bis er die selbstsichere Gundula kennenlernt, die anhand einer Geranie nach einer Sprache der Pflanzen sucht, und er sich bereiterklärt, ihr Forschungsprojekt während der Semesterferien zu betreuen.

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2020 wird die Gastprofessur des Hongkonger Neurowissenschaftlers Tony Wong unerwartet zum Vakuum: Die COVID-19-Pandemie bricht aus und Tony bleibt isoliert auf dem Marburger Campus zurück. Von seiner eigenen Forschung abgeschnitten stößt er im Internet auf einen Vortrag der französischen Botanikerin Alice Sauvage. Fasziniert von ihren Hypothesen zur Kommunikation unter Pflanzen richtet er seine wissenschaftliche Neugier auf den alten Ginkgo biloba.

Auf der Suche nach einer Sprache der Pflanzen

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi erzählt in "Silent Friend" die Geschichten dreier Außenseiter/-innen, die im Abstand mehrerer Jahrzehnte demselben Baum begegnen – und deren Blick auf die sie umgebende Flora fortan nicht mehr der gleiche ist. Angetrieben von ihrem Forschergeist gehen sie der Frage nach Sprache und Wahrnehmung von Pflanzen auf jeweils unterschiedliche Weise nach: Grete versucht über die Fotografie deren je eigene Formsprache zu erfassen, Hannes experimentiert mit der Entdeckung, dass Gundulas Geranie auf menschliches Verhalten reagiert, und Tony passt seine für Menschen entwickelten Forschungsinstrumente dem Stamm des Ginkgobaums an.

Enyedi wiederum übersetzt die wechselseitigen Wahrnehmungen zwischen Mensch und Pflanzen in die Filmsprache: Als Tony nach einem Willkommensdinner die ungewohnte lokale Kost über die Wurzeln des Baums erbricht, taucht die Kamera ins Erdreich ein und zeigt, wie das Erbrochene in das unterirdische Geflecht einsickert, Tonys Würgelaute klingen hier gedämpft. Im Laufe des Films blickt die Kamera immer wieder aus ungewohnter Obersicht (Glossar: Zum Inhalt: Kameraperspektiven) durch die Zweige des Ginkgos oder vom Fensterbrett der Geranie auf die menschlichen Figuren hinunter. Die Pflanzen werden vom Forschungsobjekt zu Wesen, die den menschlichen Blick zu erwidern scheinen.

Wechselnde Materialität als filmästhetisches Prinzip

Während der Baum in den Jahren, die zwischen Gretes und Tonys Begegnung mit ihm liegen, in einem für das menschliche Auge kaum wahrnehmbaren Tempo gewachsen ist, hat sich die ihn umgebende Welt rasant verändert. Muss Grete sich in der Aufnahmeprüfung noch gegen die süffisanten Altprofessoren behaupten und das Fotografieren an schwerfälligen Apparaten lernen, zögert Tony mehr als 100 Jahre später nicht, sich wissenschaftlichen Rat bei der jüngeren Alice zu suchen, mit der er sich in Videoanrufen über verschiedene digitale Endgeräte und Ländergrenzen hinweg austauscht. Auch ästhetisch markiert die sich entwickelnde Technologie die unterschiedlichen Zeitebenen: Gretes Geschichte ist auf 35mm (Glossar: Zum Inhalt: Filmformate) im selben Schwarz-Weiß (Glossar: Zum Inhalt: Farbgestaltung) ihrer Fotografien gefilmt; die frühen 1970er erstrahlen in satten Farben auf Zum Inhalt: 16mm-Material. In der Gegenwart, die sich in hochaufgelösten, digitalen Bildern präsentiert, visualisieren bunte, animierte Grafiken Tonys Messungen, während Zeitrafferaufnahmen (Glossar: Zum Inhalt: Zeitraffer/Zeitlupe) keimender Samen diesen Prozess für die menschliche Wahrnehmung übersetzen.

Der Wechsel zwischen den in jeweils eigenem Tempo erzählten Episoden erfolgt oft unvermittelt: Mal verweilt die Erzählung länger in einer Zeitebene, mal gewährt die Montage nur schlaglichtartige Einblicke, die assoziative Verbindungen zwischen den drei Ebenen zulassen. Diese mäandernde Erzählweise wird von sphärischen, von Vogelgezwitscher durchsetzten Synthesizer-Klängen (Glossar: Zum Inhalt: Filmmusik) begleitet, in denen sich das lineare, menschliche Zeitempfinden immer mehr aufzulösen scheint.

Eine poetische Reflexion der Mensch-Natur-Beziehung

So entsteht ein poetischer, filmischer Zugang zu einem Thema, das etwa unter dem Stichwort der Bioakustik tatsächlich Gegenstand gegenwärtiger naturwissenschaftlicher Forschung ist. Dass Enyedi dabei bisweilen fantastisch und spekulativ vorgeht, mindert nicht die Ernsthaftigkeit, mit der sie den Fragen ihrer Figuren begegnet. Angesichts zunehmender Wissenschaftsskepsis und der anhaltenden Zerstörung von Ökosystemen ist "Silent Friend" zugleich Plädoyer für einen neugierigen Blick auf die uns umgebende natürliche Welt, und Appell, dabei nicht allein mit menschlicher Rationalität und Arroganz auf sie herabzublicken. Die "Mitarbeit" der Pflanzen an ihrem Film würdigt Enyedi schließlich auch in den Credits, in denen eine lange Liste der "Featured Plants" enthalten ist. An erster Stelle steht natürlich der Ginkgo biloba.

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