„Hier bin ich nur Ivy, nicht Ivy-mit-Krebs“, sagt die 17-jährige Teenagerin, nachdem sie sich auf das Sommercamp für an Krebs erkrankte Kinder und Jugendliche eingelassen hat. Eigentlich wollte Ivy, Hauptfigur des Zum Inhalt: Coming-of-Age-Films Zum Filmarchiv: "Sunny Dancer" (Georges Jaques, GB 2026), dort nicht hin. Seit zehn Monaten ist sie krebsfrei – oder im Fachjargon: in Remission. Warum also in den Ferien mit den „Freaks“ im „Chemo Camp“ abhängen? Doch ihre Eltern haben sie überredet und sie merkt, dass es nicht so schlecht ist, weil da andere Jugendliche sind, die wie sie eben keine „Freaks“ sein wollen.

In den letzten 15 Jahren sind viele Filme entstanden, die wie "Sunny Dancer" über an Krebs erkrankte Jugendliche erzählen: von "Am Ende eines viel zu kurzen Tages" ("Death of a Superhero", Ian Fitzgibbon, DE/IR 2011) über Zum Filmarchiv: "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" ("The Fault in Our Stars", Josh Boone, USA 2014) bis zu Zum Filmarchiv: "Ich und Earl und das Mädchen" ("Me and Earl and the Dying Girl", Alfonso Gomez-Rejon, USA 2015). Was die Filme eint, ist der Wunsch der jungen Menschen, nicht nur über ihre Erkrankung definiert zu werden. Sie wollen als Persönlichkeiten mit Wünschen, Stärken, Schwächen und Zielen wahrgenommen werden – und sie wollen vor allem kein Mitleid. Das prägt die Haltung der Filme, die starke, wenngleich auch manchmal zweifelnde und kantige Figuren in den Mittelpunkt stellen.

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Geschichten über das Leben

Jugend wird gemeinhin assoziiert mit Aufbruch, Rebellion, Identitätssuche, Veränderung und Zukunft. Filme, die über den nahenden Tod von Jugendlichen erzählen, konterkarieren all diese Vorstellungen. Gerade deshalb wirken die Geschichten dieser Filme umso stärker.

Der übliche Reflex wäre, eine tragische Geschichte auch tragisch zu erzählen. Wenn Jugendliche eigene Filme drehen, dann wird das tatsächlich oft auch genauso umgesetzt: als großes Drama, ohne Hoffnung, wobei der Tod in diesen Eigenproduktionen meist selbstgewählt ist – das belegen viele Einreichungen zu diesem Thema jährlich beim Deutschen Jugendfilmpreis. In professionellen Produktionen hingegen wird das naheliegende Zum Inhalt: Genre offensiv umgangen. So betont George Jaques, Regisseur von "Sunny Dancer", im Gespräch mit dem Branchenblatt Screendaily, dass er kein Drama drehen wollte, sondern einen Film über Freude.

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Das mag ein beschönigendes Licht auf den Film werfen, gibt aber trotzdem eine Richtung vor: Filme über Krankheit und den Tod junger Menschen können auch eine positive Perspektive aufzeigen, anstatt den Blick nur auf Schmerz, Leid und Trauer zu lenken. Der spanische "Station 4" ("Planta 4a", Antonio Mercero, ES 2003), der auf einer Krankenstation für lebensbedrohlich erkrankte Jugendliche spielt und auch als Inspiration für die deutsche TV-Serie "Der Club der roten Bänder" (Felix Binder u. a., DE 2015–2017) diente (die wiederum später noch einen Kinofilm nach sich zog), war in dieser Hinsicht ein Vorreiter. Damit gelingt es diesen Filmen, ihr Thema komplett zu wenden: Aus Geschichten über den Tod werden Geschichten über das Leben.

Jetzt erst recht und so intensiv wie nur möglich

Aus der verstörenden Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit schöpfen die Jugendlichen in diesen Filmen die Kraft, ihr Leben nun erst recht voll auszukosten. Mustergültig erzählt "Am Ende eines viel zu kurzen Tages" von der verfließenden Zeit und wie der Protagonist sich dagegen auflehnt. Donald weiß, dass er bald sterben wird und hasst es, dass alle ihn in Watte packen wollen, bis er Shelly trifft, die ohne Schutzhelm Motorrad fährt. Das ist genau das, was Donald braucht: jemand, der ihm zeigt, wie man furchtlos leben kann. Das Wissen, eigentlich nichts mehr verlieren und alles riskieren zu können, schafft eine neue Freiheit – die jedoch gleich wieder einkassiert wird, als Donald sich in Shelly verliebt.

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Überhaupt steht kaum etwas so im Jugendfilm für intensives Erleben wie die (erste) Liebe. In "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" versucht die 16-jährige, an Schilddrüsenkrebs erkrankte Hazel am Anfang noch, sich gegen ihre Gefühle für den zwei Jahre älteren Gus zu wehren, der eine Knochenkrebserkrankung überlebt hat. Doch dann feiert der Film mit aller Kraft die große Liebe und ist umso tragischer, weil klar ist, dass diese kein gutes Ende nehmen wird.

Loslassen lernen

"Das Schicksal ist ein mieser Verräter" steht symptomatisch für ein makaber anmutendes Erzählmuster, das sich in vielen dieser Filme wiederfindet: Mädchen trifft Jungen. Junge stirbt. Oder: Junge trifft Mädchen. Mädchen stirbt. Selbstironisch reagiert Greg in "Ich und Earl und das Mädchen" darauf und versichert, dass dieser Film keine Romanze sei. Tatsächlich geht es darin um eine Freundschaftsgeschichte. Am Ende stirbt das Mädchen trotzdem. Weil "Ich und Earl und das Mädchen" nicht die Perspektive der erkrankten Jugendlichen in den Mittelpunkt stellt, sondern die eines Freundes, rückt ein anderes Thema in den Mittelpunkt: das Abschiednehmen. Für Greg besteht die Herausforderung darin, den Tod der Freundin zu verkraften und loslassen zu lernen. Aus der Perspektive der Eltern erzählt auch Zum Filmarchiv: "Milla Meets Moses" ("Babyteeth", Shannon Murphy, AU 2020) darüber. Während die schwer kranke Milla sich verliebt – ausgerechnet in einen Junkie –, leiden die Eltern unter dem bevorstehenden Verlust und betäuben ihr Ohnmachtsgefühl.

Das Leben ist fragil geworden

"Sunny Dancer" ist dagegen ein Film, der über eine als geheilt geltende Jugendliche erzählt. Trotzdem macht er deutlich, dass damit nicht alles gut ist. Die lebensgefährliche Erkrankung und die kräftezehrende Behandlung – beides zeigt der Film nicht – haben Spuren hinterlassen und Ivy und ihre Freund/-innen tief verunsichert. Der Film erzählt davon, wie sie erst langsam wieder ins Leben finden, weil sie die traumatischen Erfahrungen mit Schicksalsverbundenden teilen können. Freundschaft spendet Trost, mehr noch als das Verständnis der Eltern.

Obgleich auch dieser Film kleine Ausbrüche und kurze Momente der Sorglosigkeit und Freiheit zeigt, etwa, wenn die Gruppe um Ivy einen Jahrmarkt besucht und sich auf einem Karussell kontrolliert dem Nervenkitzel aussetzt, sind die unterschwelligen Ängste doch stets präsent. Da ist etwas passiert, was sie aus der Bahn geworfen hat. Die empfundene Normalität, die Ordnung und das Glück sind fragil geworden. Was das Leben im Augenblick umso kostbarer macht.

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