Kategorie: Filmbesprechung
"The Watermelon Woman"
Ein Klassiker des Black Queer Cinema: Die Recherche über eine unbekannte Schauspielerin entwickelt sich für eine junge Regisseurin zur filmischen Selbstbefragung.
Unterrichtsfächer
Thema
Bildungsrelevant, weil der Film zeigt, wie Filmemachen als Recherche, Selbstbefragung und politischer Akt funktionieren kann, besonders dort, wo Geschichte nie dokumentiert oder erzählt wurde.
Die Geschichte: Die Suche nach Fae Richards
Philadelphia, Mitte der 1990er: Cheryl arbeitet in einer Videothek, filmt im Nebenjob Hochzeiten und will ihren eigenen Film drehen. Beim Ansehen eines alten Hollywood-Zum Inhalt: Melodrams bleibt sie an einer Schwarzen Darstellerin hängen, die im Zum Inhalt: Vorspann nicht mit Namen auftaucht, sondern nur als "The Watermelon Woman". Cheryl lässt diese Bezeichnung nicht los. Sie beginnt sich Fragen zu stellen und macht daraus ein Projekt: einen Zum Inhalt: Dokumentarfilm über die unbekannte Frau. Mit der Videokamera zieht Cheryl durch Bibliotheken, Archive und die Stadt. Sie führt Interviews, fragt in der Schwarzen Community nach. Aus Fundstücken und Erzählungen setzt sie Schritt für Schritt eine mögliche Biografie zusammen: Die Schauspielerin könnte Fae Richards geheißen haben, sie trat als Sängerin auf und bewegte sich in queeren Räumen, die kaum dokumentiert sind. Gleichzeitig drängt sich für Cheryl, selbst Schwarz und lesbisch, die eigene Gegenwart in die Recherche: die Freundschaft mit ihrer Kollegin Tamara, Streit über Zugehörigkeit und Begehren – und eine Affäre mit Diana, einer weißen Frau, die Cheryl in der Videothek kennenlernt. So entsteht ein Film im Film, in dem das Suchen zur Handlung wird.
Filmische Umsetzung: Ironische Inszenierung einer filmischen Recherche
"The Watermelon Women", ein Klassiker des Schwarzen queeren Independent-Kinos der 1990er-Jahre, verbindet politische Schärfe mit trockenem Humor. Cheryl Dunye führte Zum Inhalt: Regie und spielte die Hauptfigur selbst. Im Wechsel zwischen Spielfilmkamera (Glossar: Zum Inhalt: Spielfilm) und Zum externen Inhalt: intradiegetischer (öffnet im neuen Tab) Videokamera wird ihre Recherche, in der sie sich selbst und andere befragt, Teil der ironischen Zum Inhalt: Inszenierung. Um die Ebenen auseinanderzuhalten, arbeitet der Film mit unterschiedlichen Aufnahmeformaten. Cheryls auf Magnetband aufgenommenes Videotagebuch und ihre Interviews sind oft leicht unscharf und verwackelt (Glossar: Zum Inhalt: Kamerabewegungen), ihr auf Zum Inhalt: 16-Millimeter-Material gefilmter Alltag ist ruhiger inszeniert, die fiktiven "Archiv"-Ausschnitte wirken wie altes Schwarzweiß-Bildmaterial. So wird nicht nur erzählt, dass hier ein Film entsteht, sondern auch sichtbar, wie Form und Material bestimmen, was als authentisches Dokument und was als erfundene Geschichte wahrgenommen wird.
Thema: Wer darf Geschichte erzählen?
Cheryls Suche führt nicht zu einer einfachen Wahrheit, sondern zu der Frage, wessen Erfahrungen in der etablierten Geschichtsschreibung berücksichtigt werden und wessen nicht. Archive bewahren nicht neutral. Der Film zeigt, dass Schwarze lesbische Lebensrealitäten oft nicht überliefert wurden. Indem Cheryl recherchiert, befragt und neu montiert, entsteht eine Gegenerzählung zur weiß und heteronormativ dominierten Filmgeschichtsschreibung. Entscheidend ist dabei ein Kunstgriff: Fae Richards ist erfunden. Anhand ihrer Biografie wird die fehlende Dokumentierung zum Möglichkeitsraum für das, was sonst keinen Platz hat. So entwirft der Film eine Herangehensweise an Filmgeschichte aus Schwarzer lesbischer Perspektive.
Fragen für ein Filmgespräch
Was bringt Cheryl dazu, ausgerechnet über diese Frau einen Film machen zu wollen?
Wie wird filmgestalterisch verständlich, was Cheryls Film sein soll und was ihr Alltag? Welche Wirkung haben die verschiedenen Mittel?
Was verändert die Recherche in Cheryls privaten Beziehungen, und was erzählt der Film damit über das Filmemachen als persönlichen Prozess?