Kategorie: Filmbesprechung
"Virginia Woolf's Night & Day "
Mehr als Heirat und Familie: Die britische Literaturverfilmung modernisiert Woolfs Roman als weibliche Emanzipationsgeschichte.
Unterrichtsfächer
Thema
Bildungsrelevant, weil die britische Literaturverfilmung das feministische Potenzial von Virginia Woolfs Vorlage für ein junges Publikum erschließt.
Die Geschichte: Eine Tochter aus gutem Hause kämpft um Unabhängigkeit
London, 1910: Katharine Hilbery, einzige Tochter einer vermögenden englischen Familie, soll auf Wunsch ihres Vaters endlich heiraten. Der zum Gatten bestimmte William Rodney, ein mäßiger Dichter und langjähriger Freund der Familie, entspricht allerdings kaum ihren Vorstellungen. Statt vom Eheleben träumt sie zudem von einer Karriere als Astronomin und bewirbt sich – als Frau zu dieser Zeit nahezu aussichtslos – um ein entsprechendes Studium in Cambridge. Die Bekanntschaft mit Mary Datchet, die in der Zum externen Inhalt: Suffragettenbewegung (öffnet im neuen Tab) für die Rechte von Frauen kämpft, bestärkt ihren Willen zur Unabhängigkeit. Schließlich stimmt Katharine der Verlobung doch zu, um ihre Chancen in Cambridge zu erhöhen und ihre Ruhe zu haben. Just in diesem Moment lässt der aus der Arbeiterklasse stammende Anwalt Ralph Denham sein Interesse an ihr erkennen.
Filmische Umsetzung: Mischung aus klassischem Dekor und feministischem Punk
In Zum Inhalt: Kostüm und Dekor (Glossar: Zum Inhalt: Production Design/Ausstattung) der edwardianischen Ära (1901–1914) adaptiert der Historienfilm ein 1919 erschienenes, wenig beachtetes Frühwerk von Virginia Woolf. Die im Roman der bedeutenden Schriftstellerin angelegten feministischen Ansätze erfahren dabei eine klare Aufwertung sowie ein modernes Update. Die von der Popsängerin Lily Allen verkörperte Mary Datchet erscheint im punkigen Outfit als präfeministische Vorbotin heutiger Sichtweisen; die Gestaltung des Suffragettenbüros, wo sie mit anderen Frauen Flugblätter druckt, hat mehr mit der retrofuturistischen Ästhetik des Zum externen Inhalt: Steampunk (öffnet im neuen Tab) gemein als mit der damaligen Realität. Weniger anachronistisch, sondern ganz im Einklang mit dem klassischen Design des übrigen Films ist die Darstellung von Katharines Elternhaus: Die Enge eines Zum Inhalt: Kammerspiels spricht hier auch von den gesellschaftlichen Verhältnissen.
Das Thema: Kampf einer jungen Frau gegen die patriarchale Gesellschaft
Nicht nur als angehende Astronomin greift Katharine zu den Sternen. Andere Lebensziele als Ehe und Familie sind für eine Frau ihres Status zu jener Zeit nicht vorgesehen. An den Universitäten bekamen Frauen selbst im unwahrscheinlichen Fall ihrer Zulassung kein Diplom. Katherines Probleme sind vorgezeichnet in der Figur der Mutter, die seit Jahren an einer Biografie des berühmten verstorbenen Großvaters schreibt – der Vater stellt Ralph Denham als Lektor an, ein von Katharine umgehend kritisierter patriarchaler Gestus. Die psychologische Komplexität Virginia Woolfs mag in der geradlinigen Modernisierung manche Facette verlieren. Das emanzipatorische Potenzial der Vorlage jedoch macht sich die an ein junges Publikum gerichtete Literaturverfilmung (Glossar: Zum Inhalt: Adaption) souverän zunutze.
Fragen für ein Filmgespräch
"Virginia Woolf’s Night & Day" spielt im Jahr 1910. Inwiefern spiegeln Kostüm und Ausstattung des Films die damaligen Verhältnisse wider? Gibt es Anachronismen, also historisch nicht (ganz) korrekte Darstellungen?
Die Schriftstellerin Virginia Woolf (1882–1942) gilt als wichtige Vorläuferin des heutigen Feminismus. An welchen Motiven und Handlungssträngen zeigt sich das im Film?
Am 20. April 1910 zeigt Katharine ihrer Familie den Halleyschen Kometen, der gerade die Erdumlaufbahn streift. Welche symbolische Bedeutung hat dieses Ereignis für die Erzählung?