Kategorie: Filmbesprechung
"Ich verstehe Ihren Unmut"
Arbeit unter Dauerstress: Sozialdrama über den Alltag einer Objektleiterin in der Gebäudereinigung.
Unterrichtsfächer
Thema
Heike steht unter Strom. Als Objektleiterin einer Gebäudereinigungsfirma ist die 59-Jährige Ansprechpartnerin für alle: ihren Chef, die Reinigungskräfte, die Kund/-innen. Ruhepausen gönnt sie sich kaum. Findet sie keinen Ersatz für krankgemeldete Kolleg/-innen, übernimmt sie die Schicht selbst. Telefonate mit unzufriedenen Auftraggebern führt sie unterwegs im Auto. Und wenn sie nach der Arbeit nach Hause kommt, steht schon mal das Jobcenter vor der Tür, um die Wohnsituation ihres Lebenspartners Detlev zu überprüfen. Nur ihre Kollegin Taja kann Heike dazu bringen, mal kurz durchzuschnaufen. Doch auch die Freundschaft der Frauen leidet unter dem allgegenwärtigen Druck auf der Arbeit.
Quasi-dokumentarische Inszenierung des Arbeitsalltags im Niedriglohnsektor
Den Druck, der Heikes ständiger Begleiter ist, macht Regisseur Kilian Armando Friedrich mit seiner Zum Inhalt: Inszenierung von der ersten Zum Inhalt: Einstellung an für das Publikum nachfühlbar: Die unruhige Handkamera (Glossar: Zum Inhalt: Kamerabewegungen) folgt der Protagonistin, die durch die Gänge einer Shopping-Mall hetzt – ein Motiv, das im Laufe des Films an wechselnden Schauplätzen (Glossar: Zum Inhalt: Drehort/Set) noch mehrmals zu sehen ist. Die kaum geschnittenen (Glossar: Zum Inhalt: Montage), häufig sogar in einer einzigen Einstellung gefilmten Szenen (Glossar: Zum Inhalt: Plansequenz) zeichnen den Stress der von einer Laiendarstellerin authentisch verkörperten Objektleiterin gleichsam in Echtzeit auf. Wenn sie zum Altersheim, Schwimmbad oder Kindergarten fährt, telefoniert sie ununterbrochen. Ob es ihr Chef ist, der mit Kündigung droht, oder eine Kundin, die sich über die mangelhafte Arbeit der Reinigungskräfte beschwert – in den über Freisprechanlage ausgetragenen Streitgesprächen überlagern sich die aufgebrachten Stimmen. Auch sonst herrscht meist ein rauer Umgangston; Entlastung, etwa durch nicht-diegetische Musik (Glossar: Zum Inhalt: Filmmusik), gibt es nicht. Der multiethnische, zu großen Teilen aus Laiendarsteller/-innen bestehende Cast und der Dreh an Originalschauplätzen verstärken die dokumentarische Wirkung des Films, in dem ein Konflikt den nächsten jagt.
Anklage ausbeuterischer Arbeitsstrukturen in sozialrealistischer Tradition
"Ich verstehe Ihren Unmut" zeichnet ein ernüchterndes Bild prekärer Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor und ihrer Auswirkungen auf zwischenmenschlicher Ebene. Die ewigen Beschwerden der Kund/-innen und das latente Risiko, Aufträge und damit schlimmstenfalls den eigenen Job zu verlieren, bringen Heike dazu, Druck nach unten weiterzugeben. Dauernd treibt sie ihre Reinigungskräfte an, schneller und gründlicher zu arbeiten. Wenn das Team nach Feierabend auf einen Geburtstag anstößt, herrscht Heike es an, erstmal auszustempeln. Wertschätzende Worte setzt sie strategisch ein, etwa um Mitarbeiter/-innen von der Teilnahme an einem Streik abzuhalten, der einen Auftrag gefährden könnte.
Doch der Film zeigt auch seltene Momente der Solidarität: So zum Beispiel, wenn Heike Taja dazu drängt, das mit dem gemeinsamen Verkauf gepanschter Reinigungsmittel schwarz eingenommene Geld für ihre kranke Mutter zu behalten. Oder wenn klar wird, dass sie den unangemeldeten Arbeiter eines Subunternehmers nicht zum eigenen Vorteil abwerben wollte, sondern um ihm mit einer Anstellung die Chance auf einen regulären Aufenthaltstitel zu verschaffen. Hier zeigt sich ein humanistischer Blick des Regisseurs auf seine Figuren, den eigene Arbeitserfahrungen in der Gebäudereinigung zu dem Thema seines Spielfilmdebüts inspiriert haben. Dass er seine Protagonistin mit ihren Versuchen, Gutes zu tun und solidarisch zu handeln, immer wieder gegen Mauern laufen lässt, wirkt als Anklage gegen prekäre Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor, die Bemühungen gegenseitiger Unterstützung untergraben. Mit dieser Haltung und der vorurteilsfreien Figurenzeichnung steht der Film in der Tradition eines engagierten, sozialrealistischen Kinos von Regisseur/-innen wie Ken Loach (Zum Filmarchiv: "Sorry We Missed You", GB 2019) oder Jean-Pierre und Luc Dardenne ("Rosetta", BE/FR 1999).
Forderung nach gesellschaftlicher Anerkennung
Immer wieder lässt Friedrich seine Protagonistin die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung ihrer Arbeit einfordern: "Wir putzen nicht, wir reinigen!" korrigiert sie etwa die Leiterin eines Kindergartens, von der sie sich respektlos behandelt fühlt. Wenn Heike ihre Ansprechperson bei der Arbeitsagentur fragt, ob sie eigentlich wisse, wer ihren Schreibtisch gereinigt habe, scheint sich diese Frage auch ans Publikum zu richten. "Ich verstehe Ihren Unmut" ruft so auch dazu auf, der oft übersehenen Arbeit von Gebäudereiniger/-innen Aufmerksamkeit und Respekt entgegenzubringen. Darin und in der auf Authentizität abzielenden Inszenierung der Arbeitsabläufe erinnert der Film zuweilen an Petra Volpes "Heldin" (CH 2025), der den Schichtdienst einer Pflegefachkraft in den Blick nimmt. Dass Heike aber gerade nicht als heldenhafte Identifikationsfigur auftritt, sondern als fehlbarer Mensch, der unter immensem Druck mitunter unmoralische Entscheidungen trifft, verleiht diesem Appell besonderen Nachdruck.