Bildungsrelevant, weil Paweł Pawlikowskis Film über eine Reise von Thomas und Erika Mann im Deutschland der Nachkriegszeit die Frage der Heimat nach dem Exil und die versuchte Vereinnahmung des Schriftstellers beispielhaft verhandelt.

Die Geschichte: Rückkehr in ein fremd gewordenes Land

Deutschland, 1949: Nach 15 Jahren im Exil reisen Thomas und Erika Mann durch ein geteiltes, in Trümmern liegendes Land. Anlässlich des Goethe-Jahrs wird der Schriftsteller in Frankfurt und Weimar mit Preisen geehrt, Tochter Erika begleitet ihn als Assistentin. Von den US-Behörden wird die Reise in die Sowjetische Besatzungszone misstrauisch beäugt. Doch auch in Westdeutschland gilt der Nobelpreisträger vielen als „Verräter“, weil er das nationalsozialistische Deutschland verlassen und aus dem Ausland kritisiert hatte. Mann erträgt solche Angriffe ebenso gelassen wie die bejubelte Aufnahme in Ostdeutschland, wo man die Lichtgestalt deutscher Literatur am liebsten als Staatsdichter hätte. Überschattet wird die Reise zwischen den Fronten des Kalten Kriegs durch die Sorge um Sohn Klaus, der sich geweigert hat mitzukommen und sich schließlich in Cannes das Leben nimmt. Der Tod des geliebten Bruders trifft Erika sichtlich härter als den Vater, dem sie Gefühlskälte vorwirft. So wird der Besuch nicht nur zu einer Auseinandersetzung mit Deutschland, sondern auch zwischen Vater und Tochter.

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Filmsprachliche Umsetzung: Fortsetzung einer Ästhetik des Kalten Kriegs

Wie schon in Zum Filmarchiv: "Ida" (2013) und "Cold War – Der Breitengrad der Liebe" ("Zimna wojna", 2018) erforscht der polnische Filmemacher Paweł Pawlikowski europäische Gefühlslagen und Verwerfungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch die ästhetischen Mittel, wie das enge 4:3-Zum Inhalt: Bildformat und die elegant komponierten Schwarzweiß-Bilder, gleichen sich. Ein minutenlanges Telefonat, dass Klaus Mann im fernen Cannes mit Erika führt, erscheint in einer einzigen unbewegten Zum Inhalt: Kameraeinstellung. Musik erklingt fast nur diegetisch, etwa in Form von Schlagergesang bei einer Abendveranstaltung oder aus dem Autoradio während der Fahrt in einem amerikanischen Buick. Eine prägnante Ausnahme bildet Erikas von Orgelmusik begleitetes Wandeln über den Friedhof bei Klaus’ Beerdigung. In die insgesamt getragene Atmosphäre mischen sich aber auch Momente von Situationskomik, wenn etwa ein kunstbeflissener Sowjet-Oberst Thomas Mann in ein quälendes Gespräch über Goethe, Hegel und Kant verwickelt.

Das Thema: Schwierige Identitätssuche in einem geteilten Land

„Wo ich bin, ist Deutschland“, hatte Thomas Mann noch 1938 verkündet. Im Film findet er auf die Frage, was für ihn Heimat sei, keine Antwort mehr. Das Land, das ihn und seine Familie ins Exil trieb, steht vor einem schwierigen Neuanfang. Im Westen kommen ehemalige Nazis und Mitläufer wieder in Machtpositionen, der Osten kann sich der Fremdbestimmung durch die UdSSR nicht entziehen. So vermischt sich in "Vaterland", einer fiktionalisierten Erzählung realer Ereignisse, die Geschichte einer komplizierten Familie mit der Suche nach einer europäischen Nachkriegsordnung. Auch bei den Manns bringt die Reise in das Land der Täter emotionale wie politische Differenzen wieder zutage. Thomas Mann, der oft selbstherrliche Großschriftsteller und Familienvater, erlebt sich als machtlosen Teil einer medialen Inszenierung, die sein Ideal künstlerischer Neutralität auf die Probe stellt. Erika sieht diese Entwicklung mit wachsendem Entsetzen. Dennoch gelingt in der geteilten Liebe zu Kunst und Kultur schließlich die Aussöhnung zwischen Vater und Tochter – etwas anderes bleibt ihnen nicht.

Fragen für ein Filmgespräch

  • „Wo ich bin, ist Deutschland“. Betrachtet dieses Zitat Thomas Manns aus dem Jahr 1938 im Kontext des Films. Was ist für Mann 1949 Heimat?

  • Mit welchen filmästhetischen Mitteln erzählt Regisseur Pawlikowski von der Reise? Achtet etwa auf die Farbgebung, Kameraeinstelllungen oder die Musik. Wie wirkt der Film dadurch? Was erzählt er über das geteilte Deutschland im Jahr 1949?

  • Thomas Manns Kinder Erika und Klaus waren ebenfalls Schriftsteller/-innen. Wie stellt sich das Verhältnis zum Vater im Film dar? Was bedeutet aus Erikas Sicht der Titel?

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