Kategorie: Filmbesprechung
"Shoah"
Claude Lanzmanns monumentaler Dokumentarfilm über die Vernichtung der europäischen Juden setzte 1985 einen Meilenstein in der Erinnerung des Grauens.
Unterrichtsfächer
Thema
Der Dokumentarfilm "Shoah" (Claude Lanzmann, FR 1985) ist im bpb-Shop auf Zum externen Inhalt: DVD (öffnet im neuen Tab) erhältlich.
"Shoah" sei kein Zum Inhalt: Dokumentarfilm, darauf hat Claude Lanzmann zeitlebens beharrt. Vom Thema seines neuneinhalbstündigen Werks, der Zum externen Inhalt: Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden (öffnet im neuen Tab), zeigt er kein einziges Archivbild. Als er 1974 mit seiner elfjährigen Arbeit begann, hatten sich die schockierenden Bilder aus den befreiten Vernichtungslagern, ausgemergelte Häftlinge und Berge aufeinandergestapelter Leichen, ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Dokumentarfilme wie Alain Resnais' Zum Filmarchiv: "Nacht und Nebel" ("Nuit et brouillard", FR 1955) bestimmten, wie sich vom größten Verbrechen der Neuzeit erzählen ließe. Lanzmann ging einen anderen Weg, verbat sich solche Bilder und auch den damals üblichen Kommentar, der das unbegreifliche Verbrechen in einen Sinnzusammenhang rückt. Von der für ihn gänzlich indiskutablen US-Serie "Holocaust" (Marvin J. Chomsky, 1978) distanzierte er sich schon durch den damals unbekannten, bewusst fremd klingenden Titel. Im Hebräischen bedeutet "Shoah" in etwa "Katastrophe".
Auf den Spuren der Vernichtung
In "Shoah" sprechen allein Zeitzeug/-innen und immer wieder Orte. Mehr als die noch vorhandenen Gaskammern und Krematorien in Auschwitz interessierten den Pariser Intellektuellen, selbst Jude und ehemaliger Zum externen Inhalt: Résistance (öffnet im neuen Tab)-Kämpfer, die grasüberwucherten Brachen ehemaliger Lager wie Chełmno, Treblinka und Sobibór, wo die Nationalsozialist/-innen millionenfach Menschen umbrachten. Verwitterte Bahnhöfe, Ortsschilder und scheinbar im Nirgendwo verlaufende Eisenbahnschienen bezeugen ihre reale Gegenwart. "Shoah" ist ein Dokument der verwischten Spuren, der unmöglichen Erinnerung, einer schmerzhaften Leere.
Lanzmanns seinerzeit in zwei Teilen aufgeführter Film folgt keiner chronologischen Struktur. Er bekommt seinen eigentümlichen Rhythmus durch die angemieteten Züge, die er immer wieder durchs Bild fahren lässt, als Sinnbild einer allgegenwärtigen Vernichtung. Treblinka, Auschwitz, Bełżec, das Haus der Wannsee-Konferenz – der ständige Ortswechsel spiegelt auch die Recherche des Filmemachers. In 14 Ländern, den USA und Kanada, in ganz Europa und in Israel, suchte und fand er über die Jahre seine Augenzeug/-innen, die ihm mehr oder weniger bereitwillig Auskunft gaben. Erst spät wagte er sich an die hinter dem Zum externen Inhalt: Eisernen Vorhang (öffnet im neuen Tab) verborgenen Orte der Vernichtung, wie Treblinka im heutigen Polen, wo er auch Henryk Gawkowski fand. Unter strenger Aufsicht der Deutschen hatte er als Lokführer geschätzt 18.000 Menschen in den sicheren Tod gefahren. Lanzmann filmte ihn mehrmals im Führerstand einer solchen Lok. Sein imaginierter Blick zurück auf die Unglücklichen in den Waggons der "Sonderzüge" wurde zum Plakatmotiv des Films.
Re-Inszenierung des erlittenen Grauens
Berüchtigt wurde "Shoah" auch durch Lanzmanns robuste, heute wohl undenkbare Fragemethoden sowie eine, wie er es selbst im Widerspruch zu seinem Fiktionalisierungsverbot nannte, "Inszenierung" des Grauens. Seine Hauptzeug/-innen sind jüdische Überlebende, die meisten davon Mitglieder der sogenannten "Sonderkommandos", daneben polnische Anwohner/-innen, aber auch ehemalige SS-Bedienstete auf der Täterseite. Simon Srebnik, damals 13 Jahre alt, muss wieder in einem Kahn sitzend das Soldatenlied singen, mit dem er damals seine Peiniger amüsierte. Den einstigen Friseur an der Tür zur Gaskammer in Treblinka, Abraham Bomba, zwingt Lanzmann in einem gemieteten Friseursalon in Tel Aviv zurück in seine alte Rolle (Zum Inhalt: Szenenanalyse). Er sah die Opfer in historischer Verantwortung zu sprechen und nahm dafür auch Tränen in Kauf. Von den Tätern konnte er gleiches nicht erwarten, und befragt umso geduldiger etwa Franz Suchomel, als früherer SS-Unterscharführer im Vernichtungslager Treblinka tätig – um ihn gegen jede Absprache heimlich zu filmen. Der Schmerz der Opfer war die eine Seite der Wahrheit, die schamlose Unschuldsbehauptung der Täter die andere. Wobei Lanzmann das individuelle Schicksal weniger interessierte als die logistische Machbarkeit des Holocaust, das kleine Detail im tödlichen System, und immer wieder die damit verbundene Frage: Was wussten die Jüdinnen und Juden von dem, was ihnen bevorstand?
Bis heute gültige Darstellung des Unvorstellbaren
Auf der Berlinale 1986 und anderen Festivals mit Preisen bedacht, rief "Shoah" auch Kontroversen hervor. Die polnische Regierung wollte den Film verbieten – mit suggestiven Fragen hatte Lanzmann der polnischen Landbevölkerung, die den Schrecken der Lager aus nächster Nähe verfolgen musste, neben Trauer und Entsetzen auch antisemitische Ressentiments entlockt. In Deutschland erfolgte die Fernsehausstrahlung nach Protest des Bayerischen Rundfunks zunächst nur in den Dritten Programmen.
Heute gilt "Shoah" als Meilenstein der filmischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust, für die Lanzmann nicht zuletzt eine völlig neue Form des Dokumentarfilms erfand. Sein selbstauferlegtes Bilderverbot, das Voyeurismus und Gewöhnungseffekten entgegenwirken soll, bleibt streitbar. Steven Spielbergs Hollywood-Epos Zum Filmarchiv: "Schindlers Liste" ("Schindler's List", USA 1993) zog seine heftige Abneigung auf sich; zuletzt ging Jonathan Glazer mit Zum Filmarchiv: "The Zone of Interest" (USA/GB/PL 2023) einen ähnlichen Weg auch im Spielfilm. Wichtiger als jede Doktrin ist Lanzmanns bleibender Beitrag zur Erinnerung in einer Zeit, in der Leugnung und Verharmlosung um sich greifen und die letzten Zeitzeug/-innen für immer verstummen. In "Shoah" sprechen sie zu uns und ermöglichen damit wenigstens eine Vorstellung dessen, was sich nicht vorstellen lässt.
Weiterführende Links
- External Link bpb.de: Filmkanon SHOAH
- External Link Jüdisches Museum Berlin: SHOAH (1985) von Claude Lanzmann
- External Link SHOAH in der arte-Mediathek (bis zum 18.5.2026)
- External Link Yad Vashem: Claude Lanzmanns SHOAH in der Bildungsarbeit
- External Link ICH HATTE NUR DAS NICHTS, Dokumentarfilm über die Filmarbeiten zu SHOAH, in der arte-Mediathek (bis zum 24.5.2026)
- External Link Judentum.net: Interview mit Claude Lanzmann
- External Link bpb.de: Link zur DVD