In dokumentarischen Filmen zur Zeitgeschichte (Glossar: Zum Inhalt: Dokumentarfilm) sind Interviews mit Menschen, die die jeweilige Epoche selbst erlebt haben, zum elementaren Stilmittel geworden. Diese Entwicklung begann in den 1960er-Jahren: Die Zum externen Inhalt: BBC (öffnet im neuen Tab)-Serie "The Great War" (GB 1964) gehört zu den ersten Vorbildern. Sie erinnerte zum 50. Jahrestag an die politischen Ursachen, die Gräuel der Front und das Leid der Menschen im Ersten Weltkrieg. Einzigartig war, dass das Produktionsteam mit Zeitungsannoncen nach Zeitzeug/-innen suchte und mehr als 250 Interviews filmte. Die Serie selbst verwendet allerdings nur einen Bruchteil dieses Materials, meist um Archivbilder aus der Zeit des Kriegs oder einen Aspekt der Erzählung aus erster Hand zu beglaubigen.

Oral History im Film

Die Serie erwies sich als stilprägend für TV-Geschichtsdokumentationen: Bis heute greifen viele Produktionen auf die Kombination von Archivbildern und Zeitzeugeninterviews zurück – oftmals, wie in "The Great War", unterlegt mit einem Zum Inhalt: Voiceover-Kommentar, der die heterogenen Bild- und Tondokumente zu einer homogenen Erzählung verbindet. Zugleich war die Sammlung von mehr als 250 Stimmen aus Politik, Militär und Zivilgesellschaft verschiedener Länder, darunter auch Aussagen von einfachen Soldaten oder Fabrikarbeiterinnen an der „Heimatfront“, ein bedeutendes Oral-History-Projekt zum Ersten Weltkrieg.

Oral History etablierte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als wissenschaftliche Methode, um individuelle Erfahrungen medial für die Nachwelt festzuhalten. Der Ansatz wird nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern auch in der Anthropologie, Soziologie, Linguistik und in verwandten Disziplinen verfolgt. In den zuvor verabredeten Interviews gilt es, Zeitzeug/-innen möglichst frei sprechen zu lassen. Oral-History-Projekte fokussieren oft die Perspektiven benachteiligter Gruppen oder dienen der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und staatlicher Gewalt. Gerade in dieser Hinsicht wandten sich auch Filmschaffende der Oral History zu.

Zeitzeugen als enthüllende und zugleich unzuverlässige Quellen

"Das Haus nebenan – Chronik einer französischen Stadt im Kriege" ("Le chagrin et la pitié", FR/BRD/CH 1969) ist so ein Fall. Allerdings weicht Regisseur Marcel Ophüls mit seiner investigativen Interviewführung merklich von der wissenschaftlichen Methode der Oral History ab. Aufgrund seiner Form, aber auch der Rezeption gilt er als bahnbrechender Zeitzeugenfilm. Ophüls belegt darin am Beispiel der Stadt Clermont-Ferrand das Ausmaß der französischen Kollaboration mit den Nationalsozialisten, gerade bei der Verfolgung jüdischer Menschen während der deutschen Besatzung. Die Zeitzeugenaussagen im Film stehen dabei teils im offenen Widerspruch zueinander: Kollaborateure und Résistance-Kämpfer, Opportunisten und KZ-Überlebende, Politiker und Soldaten (allesamt Männer) haben mehr als 20 Jahre nach dem Krieg ihre eigene Wahrheit – die eine kommentierende Zum Inhalt: Montage immer wieder in Frage stellt. Ophüls’ Film dekonstruierte mit dieser differenzierten Darstellung die Nachkriegsmythen der französischen Gesellschaft so stark, dass er Kritik aus allen politischen Lagern bekam.

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Film als Zeugnis der Shoah

Ab den 1970er-Jahren standen Aufzeichnungen mit jüdischen Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager im Fokus der Oral History. Der Zweiteiler "Zeugen – Aussagen zum Mord an einem Volk" (BRD 1981) von Karl Fruchtmann brachte Opfer der Shoah erstmals in dieser Form ins deutsche Fernsehen, zwei Jahre nach Ausstrahlung der fiktionalen US-Serie "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss" ("Holocaust", Marvin J. Chomsky, USA 1978). Beide Teile des westdeutschen Dokumentarfilms liefen zur besten Sendezeit im ersten Programm. Mit langen Interviewszenen im Close-up (Glossar: Zum Inhalt: Einstellungsgrößen), spärlichen Zwischenbildern und ohne Kommentar knüpft er an die historiografische Methodik an. Fruchtmann war überzeugt, dass das Menschheitsverbrechen am besten mit den Stimmen und Gesichtern der Überlebenden zu vermitteln sei. „Wir müssen uns öffnen gegenüber den Menschen, ihren Leiden und den an ihnen begangenen Verbrechen“, sagte der Regisseur, der selbst das KZ Dachau überlebt hatte. „Ich habe diese Betroffenen mit ihrer Vergangenheit konfrontiert und will den Zuschauer mit seiner Vergangenheit konfrontieren, die seine Geschichte und damit auch seine Gegenwart ist.“

Schon "Zeugen "rief Wut und Schuldabwehr des bundesdeutschen TV-Publikums hervor. Bei Claude Lanzmanns Zum Filmarchiv: "Shoah" (FR 1985), der bedeutendste Zeitzeugenfilm der Filmgeschichte, gab es in Deutschland, aber auch in Polen ebenfalls kontroverse Reaktionen. In der Bundesrepublik lief der knapp neuneinhalb-stündige Film nur im Dritten Programm, in Polen wurden kritische Passagen zensiert, das DDR-Fernsehen zeigte ihn gar nicht. Schon weil Lanzmann Zum externen Inhalt: Reenactments (öffnet im neuen Tab) mit Zeitzeugen vornimmt und selbst eine aktive, oft fordernde Rolle als Interviewer einnimmt, weicht der Film vom Ansatz der Oral History ab. Der Historiker Markus Köster beschreibt es in einem Interview mit kinofenster.de so: „Es geht ihm weniger um das Einzelschicksal, sondern um den Zeugnischarakter. [...] Sein Ziel ist es, die Erinnerung unbedingt festzuhalten.“

„Die Überlebenden sterben aus“ – und dann?

Schon in den 1980er-Jahren befürchtete Fruchtmann: „Die Überlebenden sterben aus. Nicht mehr viele Jahre und es werden keine mehr sein.“ In diesem Bewusstsein haben sich in den letzten 25 Jahren viele Filmschaffende ans Werk gemacht, die Erinnerung an die Shoah lebendig zu halten. Ihre Ansätze haben sich ausdifferenziert, sie reichen von Porträts wie Zum Filmarchiv: "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" (Volker Koepp, DE 1999) und Zum Filmarchiv: "Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf" (Güner Balci, Jesco Denzel, DE 2026) über Reportagen wie Zum Filmarchiv: "Wiedersehen mit Brundibár" (Douglas Wolfsperger, DE/CZ 2014) bis zu hybriden Dokudrama-Formaten wie Zum Filmarchiv: "Die Unsichtbaren – Wir wollen leben" (Claus Räfle, DE 2017) oder Zum Filmarchiv: "Ich bin! Margot Friedländer" (Raymond Ley, DE 2023).

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Die Protagonist/-innen dieser Filme sind inzwischen verstorben. Die Herausforderung besteht nicht nur im unschätzbaren Verlust ihrer Stimmen, sondern auch in neuen Formen der medialen Erinnerungskultur, die sich von den alten Massenmedien auf digitale Plattformen verlagert hat. Laut dem Historiker Steffen Jost befindet sich das Gedenken mittlerweile in der Ära der Creators: Auf Social Media und in Videospielen finden sich zeitgemäß aufbereitete Inhalte zur Shoah neben KI-Content und unsensiblen oder faktisch fehlerhaften Beiträgen. Mittlerweile haben sich Gedenkstätten selbst zu professionellen Content-Produzent/-innen entwickelt und miteinander vernetzt, etwa beim TikTok-Projekt Shoah Stories. Sie können aus umfangreichen Interviewarchiven schöpfen, um mit authentischen und persönlichen Geschichten neue Zielgruppen zu erreichen, zu informieren und zu bilden.

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